Seite - 393 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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italienischer Deportierter nach Mauthausen |
aus und gelangte bis nach Bologna und Florenz. Er dauert von Ende Februar bis zum
8. März 1944 an. Der auf diese Weise eingeleitete Protest wurde danach in den ver-
schiedenen Formen des Partisanenkampfes weitergeführt.42
Der katholische Widerstand : Carla Liliana Martini
Carla Liliana Martini wurde 1926 in Boara Polesine (Provinz Rovigo) geboren, wuchs
aber in Padua in der norditalienischen Region Venetien auf. Sie war das vorletzte von
zwölf Kindern einer wohlhabenden und sehr gebildeten Familie, die durch tief grei-
fende religiöse Werte miteinander verbunden war, aus denen Liliana ihr ganzes Leben
lang geschöpft hatte : «Unsere Eltern haben uns sehr viel Offenheit anderen gegenüber
gelehrt, Verständnis, jenen zu geben, die es nötig hatten, wobei auch die religiöse Er-
ziehung, die wir erhalten haben, beigetragen hat. Und dafür sind wir unseren Eltern
immer sehr dankbar gewesen.»43 Politik war in der Familie kein Thema ; erst während
des Krieges erwachte ihr politisches Interesse. Nach dem 8. September 1943 und der
darauffolgenden deutschen Besatzung trat sie einer Untergrundorganisation bei. Diese
wurde von dem Franziskanermönch Pater Placido Cortese angeführt und war geleitet
von politischen, aber vor allem moralisch-religiösen Beweggründen.44
Pater Cortese organisierte für politisch Verfolgte, Juden und alliierte Kriegsgefan-
gene (Engländer, Neuseeländer, Südafrikaner) die Flucht in die Schweiz. Diese wa-
ren nach dem 8. September befreit worden, wurden daraufhin aber gleich von den
Deutschen gesucht, die am 10. September Padua besetzt hatten. Die Geschichte dieser
«Rettungskette»45 ist sehr komplex und wird von Liliana in mehreren Instanzen zusam-
mengefasst, die von der jüngsten Geschichtsforschung detailliert untersucht wurden.46
42 Giandomenico Panizza (Hg.) : Marzo 1944 sciopero generale ! [März 1944 Generalstreik !], Torino 1988
[Beilage zu «Triangolo Rosso»] ; Mayda, Storia della Deportazione, S. 248–250 ; Valota, Streikertransport,
S. 39–40. Laut den Berechnungen von Giuseppe Valota wurden ca. 1200 Streikende aus ganz Italien de-
portiert, davon 400 aus der Gegend von Mailand.
43 AMM, MSDP, OH/ZP1/005, Interview mit Carla Liliana Martini, Interviewerin : Viviana Frenkel, Zanè,
1. 6. 2002, Übersetzung, Z. 51–54.
44 Luisa Bellina/Maria Teresa Sega : Tra la città di Dio e la città dell’uomo. Donne cattoliche nella Resistenza
Veneta [Zwischen der Stadt Gottes und der Stadt des Menschen. Katholische Frauen im Widerstand Ve-
netiens], Venezia/Treviso 2005, S. 247 : «Ja, wir waren Mitglieder von Azione Cattolica, Teresa war meine
Vorsitzende.» Azione Cattolica war die älteste und am weitesten verbreitete katholische Vereinigung und
wurde vom Regime toleriert. Teresa und Lidia Martini traten an der Universität dem italienischen Ver-
band der katholischen Studenten bei. Dieser Text ist für die Rekonstruktion der Familiengeschichte Mar-
tini grundlegend, da die Autorinnen darin alle drei Schwestern (Teresa, Lidia e Liliana) befragen.
45 Liliana Martini selbst verwendet dieses Wort in ihrer Autobiografie : Catena di salvezza. Solidarietà nella
lotta contro la barbarie nazifascista [Rettungskette. Solidarität im Kampf gegen die nazifaschistische Bar-
barei], Padova 2005.
46 Vgl. Bellina/Saga, Tra la città di Dio, S. 229–232, wo die Struktur und die komplexe Geschichte dieser
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen