Seite - 395 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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italienischer Deportierter nach Mauthausen |
Am 14. März 1944 wurden Liliana und Teresa denunziert, verhaftet und vier Monate
lang im Gefängnis Santa Maria Maggiore in Venedig eingesperrt. Liliana hatte bis zu
diesem Zeitpunkt mit jugendlicher UnbekĂĽmmertheit der Gefahr getrotzt. Als sie nun
im Gefängnis ankam, wurde sie sich aber der Tragweite der Situation bewusst :
«Jedenfalls sind wir angekommen, als es bereits Nacht war, und das, was mich am meisten be-
eindruckt hat, war, dass sie […] auch noch unsere Fingerabdrücke abnahmen. Ich fühlte mich
wie eine Verbrecherin. […] Ein anderer hässlicher Moment war, als die Gefängniswärterin
aufgetaucht ist : eine groĂźe Frau, ganz in Schwarz gekleidet, mit diesem riesigen SchlĂĽssel-
bund, der großen Lärm machte.»51
Der Trost spendende Glaube kehrt in ihrer Erinnerung häufig wieder : «Meine Kraft
war auf jeden Fall der Optimismus, der Glaube.»52 – «Durch meinen angeborenen Op-
timismus und den mir vermittelten Glauben richte ich meine Gedanken immer zuver-
sichtlich an Gott Vater, auch wenn Angst und Schrecken mich lähmen.»53 – «Ferner
betete ich und sprach alle Gebete, die ich kannte. […] und ich begriff ihren Wert, die
Kraft, die sie mir geben konnten […]. Doch manchmal wurde ich auf Gott böse. Ich
wurde auf Gott böse und ich rief ihn auf, mein Zeuge zu sein.»54
Nach vier Monaten Haft, Verhören und auch Schlägen wurden die Martini-Schwes-
tern ohne ihr Wissen zum Tode verurteilt, entgingen der ErschieĂźung jedoch aufgrund
des Eingreifens eines hohen Würdenträgers55 und wurden deportiert. Zunächst schien
es, als ob sie nach Fossoli gebracht wĂĽrden, dann wurden sie jedoch nach Bozen ver-
legt, kamen allerdings nicht in das Lager Gries, wo die andere Schwester Lidia bis zur
Befreiung inhaftiert bleiben sollte, sondern ins zerbombte Gefängnis von Bozen. Nach
einigen Tagen folgte eine weitere Zugreise, während der sie weder zu essen noch zu
trinken bekamen. Gegen Ende Juli (die zeitliche Erinnerung ist nicht sehr präzise) hielt
der Zug in Verona, wo mehrere Hundert Häftlinge zustiegen, und kam schließlich am
Ziel in Mauthausen an, ein Name, der fĂĽr Liliana nichts bedeutete. Die Schilderung
ihrer Ankunft im Lager ist knapp und nĂĽchtern :
51 AMM, MSDP, OH/ZP1/005, Interview Martini, Übersetzung, Z. 192–194. In dem Interview, das Liliana
Martini 2005 für das Zwangsarbeit-Archiv gab, beschreibt sie diese Wächterin noch schrecklicher und
vergleicht sie mit einer Hexe. In diesen Elementen ihrer Erzählung findet man literarische Anklänge
und persönliche Übereinstimmungen, die an einen Klassiker der italienischen Literatur erinnern : die
Autobiografie «Le mie prigioni» [Meine Gefängnisse], veröffentlich 1832 von Silvio Pellico, einem katho-
lischen italienischen Vorkämpfer des Risorgimento, der 1824 unter der Habsburger-Herrschaft zum Tode
verurteilt und zu 15Â
Jahren Kerkerstrafe begnadigt wurde, die er bis zu seiner vorzeitigen Entlassung 1830
in der Festung Spielberg (Ĺ pilberk) bei BrĂĽnn verbrachte.
52 AMM, MSDP, OH/ZP1/005, Interview Martini, Z. 200.
53 Martini, Catena di salvezza, S. 34.
54 FU Berlin, Zwangsarbeit 1939–1945, ZA 122, Interview mit Carla Martini, Interviewerin : Viviana Fren-
kel, 9. 6. 2005, Ăśbersetzung, S. 15.
55 Martini, Catena di salvezza, S. 43.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen