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Deportiert nach Mauthausen, Band 2
Seite - 498 -
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498 | Kobi Kabalek kommen Mama und Papa.â€ș Aber plötzlich sehe ich weder Mama noch Papa. Es kommen an- dere Leute. Da verstand ich, was geschehen war.»20 Man beachte, dass Irena bei der Wiedergabe dieser hochemotionalen Szene, bis zu dem Moment, da sie sich des Geschehenen bewusst wurde, ins PrĂ€sens verfĂ€llt  – ganz, als spielten sich die geschilderten Ereignisse direkt vor ihren Augen ab. WĂ€hrend des In- terviews  – das ich gefĂŒhrt habe  – hielt Irena Liebman immer, wenn sie von diesem Tag erzĂ€hlte, die Augen geschlossen, ganz als wĂ€ren die Bilder aus ihrer Vergangenheit zum Leben erwacht. Die Deutung liegt nahe, dass dieser traumatische Tag sich als «Tiefen- erinnerung» in ihrem GedĂ€chtnis festgesetzt hat, die derart unverfĂ€lscht wiederkehrt, dass sie wieder zu dem jungen MĂ€dchen von damals wird.21 Bei Liebman kommt aber freilich hinzu, dass sie diese Form des ErzĂ€hlens als narrative Technik auch in ihren KinderbĂŒchern zur Darstellung des Holocaust einsetzt. Viele ihrer Kurzgeschichten sind im PrĂ€sens verfasst ; sie geben GesprĂ€che zwischen Kindern und Eltern in Ghet- tos und Lagern wieder und sind Ă€hnlich angelegt wie das oben zitierte Interviewfrag- ment.22 In anderen Kurzgeschichten steht am Anfang ein kleiner Gegenstand, ein Foto, die Anlass geben, einen Blick zurĂŒckzuwerfen ; auch hier setzt Liebman nicht das PrĂ€- teritum ein, sondern wĂ€hlt  – indem sie die Geschichte weitgehend als Dialog gestaltet  – die Gegenwartsform, um die jungen Leser anzusprechen.23 Eine weitere Besonderheit von Irenas Art des ErzĂ€hlens  – man hört es deutlich in den Aufzeichnungen  – besteht darin, dass sie die verschiedenen Charaktere «spielt», deren Stimmen und Intonation nachahmt  – ganz GeschichtenerzĂ€hlerin, die es gewohnt ist, fĂŒr Kinder zu schreiben und die daher den «kindlichen» ErzĂ€hlstil bisweilen auch im «Erwachsenen»-Kontext eines Interviews beibehĂ€lt. Nach der Deportation ihrer Eltern ins Vernichtungslager blieben Irena und ihre Schwester noch ĂŒber zwei Jahre auf sich allein gestellt im Ghetto von ƁódĆș zurĂŒck. 1943 trafen in Mauthausen nur wenige Juden ein ;24 der Großteil der Historikern vor- liegenden Erfahrungsberichte von Juden ĂŒber ihren Weg nach Mauthausen und in 20 AMM, MSDP, OH/ZP1/291, Interview Liebman. 21 Der Begriff «Tiefenerinnerung» bezeichnet eine Form des Sich-Erinnerns, die versucht, die Erfahrungen des damaligen Ichs erneut zu durchleben. Siehe Lawrence L. Langer : Holocaust Testimonies. The Ruins of Memory, New Haven/London 1991, insb. S. 5–8. 22 So z. B. Liebman, Tsutsik. 23 Irena Liebman : Ein altes Fotoalbum, Tel Aviv 1985 [hebrĂ€isch]. 24 Laut Lagerregister wurden 1943 70  Juden nach Mauthausen deportiert. Aufgrund dieser geringen Zahl und der kurzen Überlebensdauer liegen kaum authentische Zeugenberichte vor. Der offenbar einzige Be- richt eines Überlebenden aus diesem Jahr stammt von einem gewissen Israel Peled, der als Kommunist in Belgien verhaftet wurde und einige Zeit in verschiedenen GefĂ€ngnissen verbrachte, bevor er Mitte 1943 zunĂ€chst nach Mauthausen und danach nach Auschwitz deportiert wurde. Siehe Eckstein, Mauthauzn, S. 231–236. Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen Band 2
Titel
Deportiert nach Mauthausen
Band
2
Autoren
Gerhard Botz
Alexander Prenninger
Regina Fritz
Herausgeber
Melanie Dejnega
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2021
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-21216-4
Abmessungen
16.8 x 23.7 cm
Seiten
716
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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