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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen 195
Dieser Fall veranschaulicht die epistemologische Spannung, die sich aus der Ăberlagerung
von Fakt und Fiktion ergibt (Thompson 2011: 29). Sie ist in jeder Form von Reiseliteratur prÀ-
sent, da Schreibende notwendigerweise entscheiden mĂŒssen, was wie und in welcher Abfolge
berichtet bzw. erzÀhlt wird (Thompson 2011: 27). Wolff durchlief einen Àhnlichen Entschei-
dungsprozess in seiner Arbeit: Er traf eine Auswahl der ihm zur VerfĂŒgung stehenden Frag-
mente, hat sie im Rahmen einer freien Interpretation bearbeitet und zu einem groĂen Ganzen
verknĂŒpft. Dass das nicht unproblematisch ist, wurde im vorhergehenden Abschnitt bespro-
chen (vgl. Kindl 1981, 1983, 1997).
ErzĂ€hlungen von Reisen folgen auĂerdem hĂ€ufig dem Motiv der quest, der Suche (Thom-
pson 2011: 16), Àhnlich wie in mittelalterlichen höfischen Ritterromanen wie dem Iwein Hart-
mann von Aues. Eine Àhnliche Struktur spiegelt sich auch in Wolffs lijendes, einerseits im Falle
des Charakters Ey-de-Net und noch mehr im Falle der Figur Lidsanel. Beide reisen in ihnen
fremde Gebiete, um nach SchĂ€tzen zu suchen oder AuftrĂ€ge zu erfĂŒllen, durch die sie sich
beweisen (sollen) (Störmer-Caysa 2007: 65). WĂ€hrend die mittelalterliche Ăventiure allerdings
sowohl aus den Abenteuern der Ritter als auch aus der ErzÀhlung derselben im Rahmen der
Handlung besteht (Schnyder 2002: 266), bleibt der Akt des erzÀhlungsinhÀrenten Berichts bei
den âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ aus.
Es handelt sich bei den âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ zwar nicht um nachgewiesene
reale Reisen, doch können die Reisen darin als archetypische Reisebewegungen gelesen werden.
Dabei steht die Konfrontation mit einem Anderen, also anderen Gruppen, im Vordergrund.
Die Verankerung in einer realen geografischen Umwelt fĂŒhrt zu einem starken Verschwimmen
der Grenzen von Fakt und Fiktion insbesondere im populÀrwissenschaftlichen Bereich. Die
epistemologische Spannung, die daraus entsteht, ist auch fĂŒr Reiseliteratur prĂ€gend. All dies
spricht, wie dargestellt, fĂŒr eine Lesart der lijendes als Reiseliteratur.
Methode
In vorliegendem Artikel werden die geografischen Informationen in den âErzĂ€hlungen vom
Reich der Fanesâ explorativ einem literary mapping mit QGIS unterzogen, einer seit 2002
bestehenden open-source Geoinformationssoftware.2 Es folgt zunÀchst ein kurzer Forschungs-
stand zur literary geography bzw. literary cartography sowie ein Ăberblick ĂŒber die Grund-
lagen des im vorliegen Artikels durchgefĂŒhrten literary mapping. Im Anschluss daran wird das
Korpus vorgestellt.
a) literary cartography und literary mapping mit QGIS
Zum Ă€uĂerst dynamischen Feld der spatial humanities gehören auch literary cartography
bzw. literary geography; an sie schlieĂt seit den 1970er Jahren eine zunehmende Zahl von Dis-
ziplinen an. Zu diesen zÀhlen ab den 1980er Jahren die ArchÀologie (vgl. u.a. Wheatley/Gillings
2002; Gregory et al. 2015) oder die Geolinguistik.3 Auch in der Geschichtswissenschaft hat sich
2 âWelcome to the QGIS Project!â <https://www.qgis.org/en/site/> [accessed 2020-03-20].
3 Eines der Àltesten zu nennenden Projekte, das in den 1970ern von Alinei, Viereck und Weijnen initiiert wurde
und bis heute lĂ€uft, ist der Atlas Linguarum Europae, im Zuge dessen Bezeichnungen fĂŒr bestimmte Konzepte in
3000 Orten in Europa erhoben wurden, um Sprachverwendung unabhÀngig von Landesgrenzen oder National-
sprachen zu untersuchen und darzustellen (vgl. Presner/Shepard 2015: 203; Viereck 2006).
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal