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232 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare
mentalen re-mappings ĂŒberwinden die Figuren kontinental-nationale Grenzen: Der Freibeuter
Mustapha ĂŒbernimmt das Kommando des britischen Schiffs, spricht mit Elvire flieĂend Italie-
nisch, erkundigt sich ĂŒber ihre Herkunft und ĂŒberlĂ€sst ihr schlieĂlich, ganz homme de cĆur,
seine Kabine. Elvire ist hier zwar als verehrungswĂŒrdige Frau markiert, macht aber deutlich,
dass sie am liebsten ihren Mitpassagieren im Kampf um die Freiheit in den Tod gefolgt wÀre,
d.h. sie erscheint stolz, anmutig und weich zugleich, sprich: ganz im Sinn der geschlechter-
reformatorischen Werte der galanterie vertueuse:
Mustapha, einer der KapitÀne dieses Schiffes, kam als erster, um seine Gefangenen und seine Beute
zu begutachten. Elvire erschien ihm bezaubernd, und er erkundigte sich auf Italienisch bei ihr, wer
sie sei. Elvire antwortete, ohne Erstaunen, dass sie Französin sei und dass all ihr Bedauern nur darin
bestehe, denen, die im Kampf gestorben seien, nicht nachgefolgt zu sein und dass sie diese recht
glĂŒcklich schĂ€tze, das Leben und nicht die Freiheit verloren zu haben. Sie sagte dies ganz und gar
nicht in der Art einer Gefangenen, ohne TrÀnen, ohne Unterwerfung, ohne flehentliches Bitten,
obgleich, trotz ihres Stolzes, ihre Anmut und ihre Sanftheit hinreichend fĂŒr sie Abbitte leisteten.
Mustapha schĂ€tzte ihre stolze Haltung, bewunderte ihre BestĂ€ndigkeit und forderte, dass sie fĂŒr
den Rest der Reise in seiner Kabine versorgt werde, auf sehr ehrbare Weise, die ganz und gar nichts
TĂŒrkisches an sich hatte.12
Regnards Pastiche erweist sich so auch als perspektivisch hybrid, wenn der Mittelmeerraum im
Textverlauf mehr und mehr im Zeichen verbindender Bildinventare erscheint. Schon im obigen
Zitat wird mittels eines clin dâĆil betont, dass weder die Erscheinung Elvires etwas von einer
Gefangenen noch die Mustaphas etwas von einem âTĂŒrkenâ hĂ€tten. Der feindlich-freundlichen
Ăbernahme des Schiffs schlieĂt sich so alsbald die Landung im Hafen von Algier an. Eingelei-
tet wird die Passage durch eine besĂ€nftigende Adressierung sowie einen fĂŒr die âBerberkĂŒstenâ-
ErzĂ€hlung typischen topographisch-historiographischen Exkurs ĂŒber Algier.
Regnard greift dabei auf prototypisch gehaltene mobile Bildinventare zurĂŒck, wie sie in
der französischen Presse und Reiseliteratur der Zeit kursieren. Generell kann festgehalten
werden, dass das Bildinventar des osmanischen Reichs nicht Regnards eigene EntfĂŒhrung
authentifiziert, sondern das populÀre Wissen der Zeit in Frankreich deutlich macht.13 So hat
schon Guy Turbet-Delof betont (1970, 472), dass die Passage, die Algier einleitend vom Meer
aus fokussiert, u.a. einer Beschreibung der Gazette de France vom 13.10.1682 stark Àhnelt, La
Provençale aber in ihrem Verlauf auch fehlerhafte Informationen ĂŒber Algier aufweist (1970,
472â473). Regnard, das steht auĂer Zweifel, schöpft fĂŒr seine ErzĂ€hlung aus dem Bildin-
ventar einer Reihe von weiteren Werken, u.a. dem Tableau de lâAfrique von Charles Chaul-
mer (1654) (Requemora 2007, 153). So wird der neue Handlungsort topoihaft eingeleitet,
12 âMustapha, lâun des capitaines de ce vaisseau, vint le premier considĂ©rer ses captifs et son butin. Elvire lui parais-
sant charmante, il sâinforma dâelle-mĂȘme, en italien, qui elle Ă©tait. Elvire lui rĂ©pondit, sans sâĂ©tonner, quâelle
Ă©tait Française, et que tout son regret Ă©tait de nâavoir pu suivre ceux qui Ă©taient morts dans le combat; quâelle les
estimait bien heureux dâavoir perdu la vie plutĂŽt que la libertĂ©. Elle dit cela dâun air qui nâĂ©tait point de captive,
sans larmes, sans soumission, sans priÚres; quoique, malgré sa fierté, sa grùce et sa douceur priassent assez pour
elle. Mustapha estima son orgueil, il admira sa constance, et voulut quâelle fĂ»t traitĂ©e tout le reste du voyage dans
sa chambre, avec des maniĂšres trĂšs honnĂȘtes et qui nâavaient rien de turc.â (490â491)
13 Vgl. dazu Annie Rivaras LektĂŒre (1987), die den Text anschlieĂend an Turbet-Delof aufgrund der starken
Topoihaftigkeit als leicht lesbare Satire begreift und ihn im Kontext der Lesegewohnheiten der Zeit, u.a. des
Bildinventars der französischen Reiseliteratur und Historiographien des frĂŒhen 18. Jahrhunderts situiert, sprich:
auch vermutet, dass der Text womöglich nicht von Regnard stammt und erst spÀter entstanden ist.
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal