Seite - 275 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
schenrechte auf die Idee derMenschenwürde beruft, geschieht dies einerseits
durchausmit theologischemSelbstbewusstsein.DasKonzilwill sichnicht ein-
fach einem modernen Trend anpassen, sondern die eigene biblische und
kirchlicheTradition fruchtbarmachen.Andererseits ist denVerfassernderEr-
klärung sehr bewusst, dass sieNeulandbetreten.Die freiheitsrechtliche Syste-
matik, die denMenschenrechtsansatz trägt, stellt gegenüber den kirchlichen
TraditionenebendochaucheinNovumdar,unddieswirdoffenangesprochen.
So lautetderersteSatzderKonzilserklärung:
„DieWürdedermenschlichenPersonkommtdenMenschenunsererZeit immermehr
zumBewusstsein, und eswächst dieZahl derer, die denAnspruch erheben, dass die
Menschenbei ihremTunihreigenesUrteilundeineverantwortlicheFreiheitbesitzen
unddavonGebrauchmachensollen,nichtunterZwang,sondernvomBewusstseinder
Freiheit geleitet.“21
MenschenrechtesindgekennzeichnetdurcheinMomentderDiskontinuitätund
bewussten Abstandnahme – wenn man so will: „Abstraktion“ – gegenüber
ethischenTraditionen,denensiemitderForderungnachAnerkennunggleicher
WürdeundgleicherFreiheit für alleMenschenkritischgegenübertreten. Inso-
fern lassen sich dieMenschenrechte als „posttraditionelle“Normstruktur be-
greifen. Diese ihre posttraditionelle Qualität, die unübersehbares Konfliktpo-
tenzial birgt, zielt abernicht aufdie schlichteNegation traditionellerEthikfor-
men, sondernaufderenÖffnung.ModerneMenschenrechte sindkeinFreibrief
dafür, ohneNotKulturkämpfe vomZaun zu brechen. Sie sindweder ikonok-
lastisch noch in einem schlicht dichotomischem Sinne anti-traditionell, wie
konservativeKritiker immerwiederbefürchtethaben.Vielmehrrepräsentieren
sie eine hermeneutisch sensible Posttraditionalität. Der Respekt der Men-
schenwürde, der denMenschenrechtsansatz im Ganzen trägt, verlangt einen
angemessenen „hinhörenden“Umgangmit denMenschenund ergo auchmit
ihren jeweils existierendenreligiösen,weltanschaulichen,kulturellenundethi-
schenPrägungen.
4. AbschließendeBemerkung
DieKontroverseumdieangemesseneVerhältnisbestimmungzwischenmoder-
nenMenschenrechten und traditionellen ethischenWertenwirdweitergehen.
Leider hat die Resolution desMenschenrechtsrats vom September 2012 dies-
bezüglichkeineKlärungerbracht,sondernbestehendeFrontenweiterverhärtet.
Dass die westlichen Mitgliedstaaten des Menschenrechtsrats der Resolution
21 Dignitatishumanae,Abschnitt 1.
Menschenrechteund„traditionelleWerte“:EinehoffnungslosvergifteteDebatte? 275
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik