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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
mit dem Gebot der „respektvollen Nicht-Identifikation“ abgeglichen werden
muss. Es kannauchdannder Fall sein,wenn starke religiöse Identitätsmarker
(wie z.B. die Behauptung einer „christlichen Leitkultur“) nicht nur in be-
stimmten politischen Programmatiken behauptet werden, sondern in demo-
kratischenEntscheidungszusammenhängenaufdennormativenAnspruchder
AnerkennungweltanschaulicherPluralitätderGesellschaft treffen.
In den letzten Jahren ist v.a. bei einemTeil der erstarkten rechtspopulisti-
schenKräfte inverschiedeneneuropäischenLändern eineTendenz zur identi-
tätspolitischen Beanspruchung von Religion zu beobachten. Einerseits wird
affirmierend–mankönnteauchsagen: vereinnahmend–auf christlicheTopoi
(christliches Abendland, Verteidigung christlicher Familienwerte u.ä.) Bezug
genommen; andererseits wird der Bezug auf christliche Motive dafür bean-
sprucht,dieAbgrenzungbzw.Ausgrenzungvon„fremder“Religion,konkretdes
Islam, zubetreiben, dermeist ohneweitereDifferenzierungmit „Islamismus“
gleichgesetzt wird. Diese doppelte identitätspolitische Strategie lässt sich in
Deutschland sehr deutlich in der Programmatik der Partei „Alternative für
Deutschland“ nachvollziehen. Sie ist nicht nur antipluralistisch, sondern zu-
gleich explizit gegen das Menschen- bzw. Grundrecht auf Religionsfreiheit
ausgerichtet, insofern sie einembestimmten religiösenBekenntnis das gleiche
Recht auf öffentliches Erscheinen rundweg abspricht, näherhin die Religion-
sausübungsfreiheit fürMuslimeweitestgehendbestreitet.15
Gegen solche Bestreitungen gleicher Freiheit, die inzwischen imparlamen-
tarischenRaumvielerwestlicherDemokratienangekommensindund–sostellt
essichindenWochenvorderEuropawahl2019dar–auchaufdereuropäischen
Ebene deutlich an Stärke gewinnen könnten, bildet das grundrechtlich ver-
bürgte, vomStaat zu schützendeRecht aufReligionsfreiheit einwichtigesKor-
rektivundeineBerufungsinstanz.FüreinefreiheitlicheDemokratiescheinendie
rechtlichen Sicherungen gleicher Freiheit daher umsowichtiger, je lauter die
KräftederBestreitungwerden.Allerdingsgenügtder rechtlicheRahmenallein
nicht.EsbedarfzugleichgesellschaftlicherProzesse,umdasBewusstseinfürdie
aufdemSpiel stehendenWertewechselseitigenRespektsundderAnerkennung
von Pluralität in freier und öffentlicher Kommunikation zu schärfen. Hierzu
können – das wäre ein eigenes Thema – religiöse Akteure einiges beitragen,
sofern sie über gesellschaftliche, rechtlich gesicherte Handlungsspielräume
verfügen.
15 Vgl.MarianneHeimbach-Steins / Alexander Filipovic´ / Josef Becker /MarenBehrensen /
TheresaWasserer, GrundpositionenderPartei „Alternative fürDeutschland“undderKa-
tholischenSoziallehre imVergleich, Institut fürChristlicheSozialwissenschaftenAPNr.8,
Münster 2017, S. 24–33, vgl. http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fb2/c-syste
matischetheologie/christlichesozialwissenschaften/heimbach-steins/ics-arbeitspapiere/ics
_ap_8_afd_kathsl.pdf (letzterZugriff: 16.05.2019).
DasRechtaufReligions-undWeltanschauungsfreiheit 289
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik