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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
dieseEntwicklungenrechtlichzubewältigen,[was]neuartige, teilweisegewagte
Begrifflichkeiten hervorgetrieben“ bzw. ironisch-resignierend zur Rede von
„UNO’s (unidentified normative objects)“ geführt hat.4Vomvorhandenen In-
strumentariumwirdmeist auf die verschiedenenTheorien zum„Rechtsplura-
lismus“ (legal pluralism) verwiesen,5 der damit zu einem der „schillerndsten
BegriffederheutigenRechtstheorie“6gewordenist.DieseKonjunkturdarfnicht
weiter verwundern, gehört doch „Pluralismus“, verstandenals einnormatives
KonzeptzurBewältigungderzunehmendenVielfaltpolitischer,kulturellerund
religiöser Vorstellungen in der Gesellschaft zu den politik- und sozialwissen-
schaftlichenSchlüsselbegriffenderGegenwart.Die SicherungvonPluralismus
wird als notwendig für das Funktionieren des freiheitlich-demokratischen
Rechtsstaates gesehen.7Aus religionsrechtlicher Sicht bedeutsam ist hier, dass
der EuropäischeGerichtshof fürMenschenrechte (EGMR) in ständiger Recht-
sprechungdieautonomeExistenzvonReligionsgemeinschaftenalsunabdingbar
für den Pluralismus in einer demokratischen Gesellschaft bezeichnet, als ein
4 Gunther Teubner, Transnationales Recht: Legitimation durch horizontale Grundrechtswir-
kung, Zugleich Besprechung von Lars Viellechner: Transnationalisierung des Rechts, in:
Juristenzeitung70/2015,S. 506–510,hier:S. 506f.UlrichBeckhat2000pointiertdenVerdacht
geäußert,dersouveräneneuzeitlicheStaatwärelängstineinen„Super-Supra-Inter-Post-Neo-
Trans-Nationstate“umgewandelt,vgl.UlrichBeck,Thecosmopolitanperspective:sociology
ofthesecondageofmodernity, in:BritishJournalofSociology51/2000,S. 79–105,hier:S. 80.
5 AufdenBegriff gebrachtwurde „Rechtspluralismus“ (legal pluralism) inderRechtsanthro-
pologie, wo er für das Nebeneinanderbestehen von staatlichem Recht und traditionellem
(Gewohnheits-)recht in europäischenKolonialgebietenverwendetwurde. 1969 organisierte
derRechtshistorikerJohnGilisseneineTagungmitdiesemTitel.MitderVeröffentlichungder
Tagungsbeiträge, insbesonderedesGrundsatzpapiersvon JacquesVanderlinden(Leplurali-
sme juridique: essai de synthHse, in: JohnGilissen (Hg.), Le Pluralisme juridique, Brüssel
1971,S. 19–56)wurdederBegriff „legalpluralism“wissenschaftlichetabliert.ZumZentrum
derForschungentwickeltsichinderFolgedierechtsethnologischeSchulederNiederlande,die
sich mit dem komplexen Nebeneinanderbestehen von a¯da¯t-Recht, des traditionellen und
lokalenRechtssystems in Indonesien, von religiösemRecht – imKonkretendas islamische
Recht – und demdurch die Kolonialmacht und später durch die Republik Indonesien be-
stimmten Staatsrecht befasste. Grundlegend: John Griffiths, What is legal pluralism?, in:
Journal of Legal Pluralism 24/1986, S. 1–55. Siehe weiters: Franz v. Benda-Beckmann,
Rechtspluralismus:AnalytischeBegriffsbildungoderpolitisch-ideologischesProgramm?,in:
Zeitschrift fürEthnologie119/1994,S. 1–16;BrianZ.Tamanaha,Anon-essentialistversionof
legalpluralism, in: JournalofLawandSociety27/2000,S. 296–321.Einendeutschsprachigen
ÜberblickbietetRalfSeinecke,DasRechtdesRechtspluralismus,Tübingen2015.
6 Seinecke,Rechtspluralismus,VII.
7 Insbesondere im deutschen Sprachraum spielen hier die Erfahrungenmit der nationalso-
zialistischen Staatslehre eine Rolle, vgl. Ernst Forsthoff (Der totale Staat, Hamburg 1933,
S. 28): „Zusammenfassend läßt sich feststellen,daßunterderGeltungderWeimarerVerfas-
sungderdeutscheStaatzugrundeging,weil erzumRaubdesgesellschaftlichenPluralismus
wurde.“
RichardPotz328
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik