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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
bestimmte Berufe einerseits und staatliche Gesetze, die Menschen mit be-
stimmtenMerkmalen von derMöglichkeit zu heiraten ausschlossen und da-
durch oder durch Zwangssterilisation bestimmter Personenkreise die Entste-
hungvonNachwuchsverhindernwollten, imnationalsozialistischenStaat.Vor
allemdurchdieErfindungder sogenanntenPilleAnfangder 1960er Jahreund
derenunmittelbar danach einsetzende breiteNutzung sowie dasGelingender
assistiertenReproduktion in den späten 1970er Jahren und deren schon kurz
darauf erfolgte Etablierung in der Frauen- und Geburtsmedizin hat sich der
Schutzbereich der Fortpflanzung erheblich ausgeweitet. Er umfasst seither
nämlichauchdieEmpfängnisverhütungundbeieingeschränkterFruchtbarkeit,
reproduktionsmedizinische Verfahren in Anspruch nehmen zu dürfen, um
trotzdem zu einem Kind zu kommen. De facto hat sich im allgemeinen Be-
wusstsein das Geschehen dermenschlichen Fortpflanzung selbst stark verän-
dert, insofernestendenziellvoneinemWiderfahrniszueineraktivenHandlung
geworden ist1. Parallel fand immedizinischen Feld eine Transformation von
einer existenziellenBedürfnisintention zu einer therapeutischenAnspruchssi-
tuation statt.2DieVergrößerungdesSpielraums, innerhalbdessenEltern, aber
auchNochnichteltern und sogarNichteltern über die Entstehung oderNicht-
entstehungvonNachwuchsbestimmenkönnen,wirdinRechtswissenschaftund
Ethikseit einigerZeit alsRechtauf reproduktiverAutonomie, auf reproduktive
Freiheit oderaufFortpflanzungsfreiheitbeschriebenundbegrifflichgefasst.
In den rechtsphilosophischenundverfassungstheoretischenBegründungen
dieses Rechts auf reproduktiveAutonomiewirdübereinstimmend auf die all-
gemeineHandlungsfreiheit unddasPersönlichkeitsrecht sowie auf denSchutz
von Ehe und Familie, der das Recht auf Familiengründung einschließe, ver-
wiesen.3 Je nachdem, welches dieser beiden Grundrechte als prioritär für die
1 SoChristianeWoopen,Die ,NaturdesMenschen‘alsMaßstabfürdieReproduktionsmedizin,
in:GiovanniMaio / JensClausen /OliverMüller (Hg.),MenschohneMaß?Reichweite und
GrenzenanthropologischerArgumenteinderbiomedizinischenEthik,Freiburg2008,S. 288–
302,hier: S. 292–294.
2 JochenSautermeister, Identität imWerden–HerausforderungenderFortpflanzungsmedizin
aus theologisch-ethischer Sicht, in: Zeitschrift fürMedizinischeEthik 62/2/2016, S. 91–106,
hier: S. 96.
3 Beispielhaft genannt seien:MünchnerKommentarzumBGB 72017§1591Rn.45 (Wellenho-
fer); Jörg Neuner, Das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung. Facetten durchkreuzter
Nachwuchsplanung, in:ArchivfürdiecivilistischePraxis214/2014,S. 459–510;JensKersten,
RegulierungsauftragfürdenStaatimBereichderFortpflanzungsmedizin,in:NeueZeitschrift
für Verwaltungsrecht 37/2018, S. 1248–1254; FriederikeWapler, Reproduktive Autonomie:
rechtliche und rechtsethischeÜberlegungen, in: Susanne Baer /Ute Sacksofsky (Hg.), Au-
tonomieimRecht–Geschlechtertheoretischvermessen,Baden-Baden2018,S. 185–213;Anne
Röthel,AutonomiealsBezugspunkt füreineKritikder rechtlichenRegulierungdesZugangs
zu reproduktivenVerfahren, in: Baer / Sacksofsky (Hg.), Autonomie imRecht, S. 215–227;
NinaDethloff, ReproduktiveAutonomie, in: Baer / Sacksofsky (Hg.),Autonomie imRecht,
KonradHilpert414
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik