Seite - 434 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - BeitrÀge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Bild der Seite - 434 -
Text der Seite - 434 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 â ISBN E-Lib: 9783737011655
vonStaatundKirchezuentfernen.4 IhreForderungnacheinemAbschiedvom
Kreuz entspricht einem schleichenden Akzeptanzverlust des Christentums in
denspÀtmodernenGesellschaftenWesteuropas,derdurchdieskandalösenFÀlle
von sexuellemMissbrauch durch Priester, Bischöfe und KardinÀle sowie die
systemischeVertuschungdieserDeliktenocheinmal einenzusÀtzlichenSchub
erhalten hat. Auch ist klar, dass Lehrende und Studierende an derUniversitÀt
Wien unterschiedliche religiöseĂberzeugungen undweltanschauliche Orien-
tierungenmitbringen.NichtnurAgnostikerundbekennendeAtheistendĂŒrften
Schwierigkeitenmit demKreuz haben. Auch fĂŒr Juden undMuslime ist das
KreuzeinambivalentesSymbol,wieeinehistorisch sensibilisierteund interre-
ligiös ausgerichteteTheologienichtbestreitenwird. ImkulturellenGedÀchtnis
der Judenhallt derGottesmordvorwurf, der erstmals vonMelitovonSardes in
derMitte des 2. Jahrhunderts5 erhobenwurde, bis heute nach, und imkollek-
tiven Erinnerungshaushalt der Muslime sind die KreuzzĂŒge des Mittelalters
nochimmerprĂ€sent.DieEntscheidungderUniversitĂ€tsleitung,gegenĂŒberallen
ReligionenundWeltanschauungeneineHaltungderĂquidistanzeinzunehmen,
erschienvordiesemHintergrundnachvollziehbar.
Dennoch bleibt Unbehagen. Das Kreuz ist das zentrale Symbol des Chris-
tentums, der akademischen Theologie an den staatlichenUniversitÀten ist es
aufgegeben, den Ereigniszusammenhang von Leben, Tod und Auferweckung
JesuvordemHintergrundkritischerAnfragendeutendzuerschlieĂenunddie
humanisierende Kraft dermemoria passionis in Erinnerung zu rufen. Daran
erinnertdasZeichendesKreuzes indenHörsÀlenderTheologie.Die ineinigen
europÀischenLÀndernkontroversdiskutierte Frage, obKreuze inKlassenzim-
mernangebrachtwerdendĂŒrfenodernicht,hatderEuropĂ€ischeGerichtshoffĂŒr
Menschenrechte imMĂ€rz 2011demErmessensspielraumdes jeweiligenUnter-
zeichnerstaatesderEuropĂ€ischenMenschenrechtskonventionĂŒberlassen,dabei
aber festgestellt, dasKreuz sei âeinpassives Symbolâ.Ăsterreichische Juristen
mögenbeurteilen, ob sichdiesesUrteil analog aufHörsÀle an staatlichenUni-
versitĂ€tenĂŒbertragen lĂ€sst. Das Prinzip derReligionsfreiheitmĂŒsste in jedem
Fall gewahrtbleiben.Eskannnichtdie staatlicheAutoritÀt sein, diedenRaum
mit christlichenSymbolenausstattet.Allenfalls ist esmöglich, dass siederka-
tholischenTheologiedieseMöglichkeitgewÀhrt.DieserWegaberwurdeinWien
nicht beschritten, obwohl er der Freundschaftsklausel imArtikel 22 des Kon-
4 Auf dieser Linie konnte derKommentar vonDietmarNeuwirth, Kaumzu glauben. Bis vor
Kurzemgab es anderUniWienKreuze anderWand. Jetzt sind sieweg, in:Die Presse am
25.02.2018, gelesenwerden.DazumeineReplik: Jan-Heiner TĂŒck,UniWienohneKreuze:
SindRektorensakrosankt?, in:DiePresseam01.03.2018.
5 Vgl.dazumeinenVersuch: Jan-HeinerTĂŒck,Gottesmord?DiePaschahomiliedesMelitovon
Sardes,in:IKaZCommunio47/2018,S. 200â205,sowieHansjörgaufderMauer,DieOsterfeier
inderaltenKirche,ausdemNachlasshrsg.vonR.MeĂnerundW.G.Schöpf,MĂŒnster2003.
Jan-HeinerTĂŒck434
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
BeitrÀge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- BeitrÀge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. KirchschlÀger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik