Seite - 514 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Bild der Seite - 514 -
Text der Seite - 514 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
der versucht, das Streben nach sozialer Gerechtigkeit zu erklären, indem er
Erkenntnisse aus der Spiel-, Evolutions- und Verhaltenstheorie aufnimmt.
DarüberhinausschließterältereTheoretikerein,diesichaufeinorganischeres
Gesellschaftsverständnis berufen, wie etwa diejenigen, die denBegriff der so-
zialen Gerechtigkeit in englischer Sprache prägten, darunter der Har-
vard-ÖkonomThomasNixonCarver16. Einer ausgeprägt sozialtheoretisch ar-
gumentierenden Tradition zuzurechnen sind auch einflussreiche Stränge des
katholischen Sozialdenkens: Beispiele sind Luigi Taparelli (1793–1862) und
Heinrich Pesch (1854–1926). Einen normativ-theoretischen Fokus haben ein-
schlägigeArbeitendesRechtsphilosophenPeterKoller,dersozialeGerechtigkeit
als Summealler auf die verschiedenenEbenender institutionellenGrundord-
nung derGesellschaft anzuwendendenAnforderungen definiert.17 Soziale Ge-
rechtigkeit wird daher als ein übergreifendes Konzept betrachtet, das Vertei-
lungsgerechtigkeit, kommutative Gerechtigkeit, politische Gerechtigkeit und
korrektiveGerechtigkeitumfasst.
EinigeDenkerbemühensich, dienormativeTheorieunderklärendeSozial-
theorie der Gerechtigkeit zusammenzuführen. Dazu gehören zwei politische
Philosophen, die sich systematisch und explizit mit der Rolle der Sozialwis-
senschaftenauseinandersetzen:DavidMiller18undJohnRawls19.Beidebetonen
die Besonderheiten der komplexen institutionellen Ordnungen der „Großen
Gesellschaften“ – ein Begriff, der vonAdamSmith, Hayek und Taparelli ver-
wendetwird.DieseBesonderheitenmotivieren zu einemumfassenderenBlick
aufdieAnforderungenderGerechtigkeit,derdurchsozioökonomischerAnalyse
dieserGesellschaftenunterstütztwird.Abden1840er-JahrenbenutztenGelehrte
unterschiedlicherRichtungenindiesemSinndenBegriff„sozialeGerechtigkeit“
unddrücktendamit zwei verwandteArtenvonAnliegenaus. EinesdieserAn-
liegen ist durch die Idee begründet, dass die Komplexität der großen Gesell-
schaften einen übergeordneten integrierten normativen Rahmen für die Ab-
wägungvonGerechtigkeitsansprüchenerfordert.Das zweitebetontdieBedeu-
tung der sozioökonomischen Theorie (einschließlich der Empirie) für die
UntersuchungderRollederGerechtigkeit indermodernenGesellschaft.
Den erstenPunkt kannmanbearbeiten, indemderBegriff der sozialenGe-
rechtigkeit aus der Perspektive der normativen Theorie betrachtet wird. Eine
16 ThomasN.Carver,Essays inSocial Justice,Cambridge1915.
17 PeterKoller,SozialeGerechtigkeit.BegriffundBegründung, in:NikolausForgj /Alexander
Somek (Hg.), ViennaWorking Papers in Legal Theory, Political Philosophy andApplied
Ethics 24,Wien 2001a, S. 1–57; Ders (Hg.), Gerechtigkeit impolitischenDiskurs der Ge-
genwart, Wien 2001b; Ders., Soziale Gerechtigkeit, in: Anna Goppel / Corinna Mieth /
ChristianNeuhäuser (Hg.),HandbuchGerechtigkeit, Stuttgart2016,S. 118–124.
18 DavidMiller,PrinciplesofSocial Justice,Cambridge-London1999.
19 JohnRawls,ATheoryof Justice,Cambridge1971.
RichardSturn514
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik