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Andrea Sommer-Mathis
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misch Krumau (heute Český Krumlov)20, Gripsholm21, Gotha (Ekhof-Theater)22 und
Leitomischl (heute Litomyšl)23 vervollständigen das Sextett der historischen Theater
aus dem 18. Jahrhundert, in denen man noch heute die Funktionsweise der barocken
Maschinerie bestaunen kann.
Während die Dekorationen der Renaissance durch den Einsatz der Perspektive
und die Staffelung der Kulissenpaare immer weiter in die Bühnentiefe vordrangen, er-
oberten die Bühnenbilder der Barockzeit bald auch die dritte Dimension, die Vertikale,
sowohl nach oben als auch nach unten. Durch den Ausbau der Obermaschinerie im
Schnürboden gewann man den Luftraum hinzu, in dem Götter und mythologische Fi-
guren auf Wolkenmaschinen thronten oder auf Flugwagen zur Erde herabschwebten,
während Versenkungen die direkte Verbindung zur Unterbühne schufen, aus der Per-
sonen und Versatzstücke auftauchen oder wieder ›in der Versenkung verschwinden‹
konnten, wie ein heute noch gebräuchliches Sprachbild lautet.24
Auch dafür hatte die Antike bereits erste technische Lösungsansätze geliefert: Göt-
ter konnten schon im griechischen Theater mit Hilfe einer Art Schrägaufzug oder auf
kranähnlichen Flugmaschinen über der Spielfläche erscheinen. Im Barock wurden auf
dem Schnürboden Winden und Trommeln angebracht, die verschiedenste horizontale
und vertikale Bewegungen erlaubten.
Die Hauptattraktion der himmlischen Szenen waren die Wolkenmaschinen, die oft
ganze Göttergesellschaften beförderten. Der häufige Einsatz von Wolkenszenen im ba-
rocken Theater hatte allerdings auch ganz pragmatische Gründe, denn durch die Wol-
ken konnte man die technische Apparatur verstecken, ähnlich wie auch die Soffitten
(schmale, im Schnürboden horizontal angebrachte Stoffbahnen) vor allem dazu da wa-
ren, den Einblick in die Obermaschinerie zu verwehren.
Im Prinzip waren die Wolkenmaschinen des 17. Jahrhunderts nichts anderes als
kleine ›Bühnen‹, die jeweils ihr eigenes Kulissensortiment besaßen und mit wolken-
förmigen Brettern ausgestattet waren, die aufgeklappt werden konnten und dadurch
den Blick in das Innere freigaben; die äußeren Wolken wurden nach dem Fächerprin-
zip auseinandergefaltet. Praktische Anleitungen dazu finden sich im Handbuch des
italienischen Architekten Nicola Sabbattini (1574–1654) Pratica di fabricar scene e ma-
chine teatri, das 1638 in Ravenna erstmals im Druck erschien,25 aber bald schon weitere
Auflagen erlebte und sich großer Beliebtheit unter den Theaterpraktikern erfreute. Im
20 Vgl. Adamczyk 1994; Hilmera 1994; Schlosstheater 2001.
21 Vgl. Beijer 1972; Stribolt 2002.
22 Vgl. Ekhof-Projekt 1999; Dobritzsch 22006; Jung 2010, S. 44–47.
23 Vgl. Hilmera 1968; Bláha 2003.
24 Vgl. Jung 2003; Reus 2003.
25 Sabbattini 1638; Sabbattini-Flemming 1926; vgl. Hewitt 1958, S.
37–177; Gamba
/
Montebelli 1995;
Greisenegger 2016, S. 63.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur