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Akustik in Hoftheatern des 17. und 18. Jahrhunderts
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form ab und benötigt in jedem Fall eine graphische Analyse des dreidimensionalen
Reflexionsverlaufs.
Genau diesen Grundriss (ohne Logen) verwendet Giacomo Quarenghi (1744–1817)
im 1783–85 für den russischen Zaren erbauten halbrunden Theater in der Eremitage in
St. Petersburg (Abb. 3).
Auch hier ist das Problem der Schallfokussierung in einem einzigen Brennpunkt
vermieden, da das Orchester und die Vorbühne sich außerhalb des Halbkreises befin-
den. Der Radius des Halbrunds beträgt 8.25
m, die Saallänge bis zum Proszeniumsrand
13.80 m, die Raumbreite 16.50 m, die Raumhöhe 10.50 m. Auf den ansteigenden halb-
runden Sitzreihen haben 250 Personen Platz. Da die Raumwände mit Marmor verklei-
det sind, hat das voll besetzte Theater trotz des kleinen Volumens von 7900
m3 eine un-
gewöhnlich lange Nachhallzeit von 1,41 Sekunden.18 Wegen der über die ebene Decke
verlaufenden, zeitlich relativ stark verzögerten Reflexionen über zwei Flächen mit den
erwähnten Schallkonzentrationen 2. Ordnung ist der Nachhall unruhig.
3.3 Halbkreis zum U verlängert
Wird der Halbkreis zum U verlängert, so ist die Sicht zur Bühne im Parkett und in den
Logen am Ende des U sehr gut, in seitlichen Logen allerdings trotz schrägen oder offe-
nen Logentrennwänden nur auf den vordersten Logenplätzen einigermaßen gut, da der
Blick zur Bühne nur auf gedrehten Stühlen oder mit gedrehtem Kopf oder stehend mög-
lich ist. Das U ist jedoch die ideale Form für ein Publikum, das auch sich selbst betrach-
ten will. Ein solches Theater bietet weit mehr Plätze als der Halbkreis und dank Seiten-
wandreflexionen die Voraussetzungen für sehr gute Akustik, sofern die eingebauten
Logen und die Saaldecke nicht zu viele Bässe absorbieren (mehr dazu in Abschnitt 5).
Diese Voraussetzungen waren im Alten Burgtheater in Wien erfüllt (1741 gebaut,
1756, 1761 und 1796 renoviert). Der Zuschauerraum hatte vier Ränge und war mit
10.30 m zwischen den Brüstungen sehr schmal. Die innere Länge betrug mit 23.60 m
mehr als die doppelte Breite, die Höhe vom Parkett zur Decke 12 m.19 Der Saal hatte
ein Volumen von 3.700 m3 und die Nachhallzeit im besetzten Raum wurde für mittlere
Frequenzen mit 1,1 sec berechnet.20 Das Theater war wegen seiner hervorragenden
Akustik äußerst beliebt. 1888 wurde es zum Bedauern von Schauspielern und Publi-
18 Messung durch Waves Audio am 26.10.2004. Siehe: http://www.acoustics.net.russia/hermitage_theatre.de
[letzter Zugriff am 27.8.2005].
19 Semper 1904, S. 204, Fig. 132.
20 Meyer 2015, S. 184 für 1779 (nach Singer 1958, S. 220); Weinzierl 2002, S. 151–153 berechnet nur
0,7
sec bei einem Volumen von 3700
m3 (mit angekoppelten Volumen und am Modell verifiziertem Rest-
schallabsorptionsgrad). Siehe dazu die Bemerkung in Abschnitt 4 und 6 unten.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur