Seite - 153 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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oder islamischenKontextenmythischeBedeutunghat, ist auf christlicherSeite
die Bedeutung der Befreiung Jerusalems 1099 erloschen und taugen die
Kreuzzüge imsäkularenKontextMitteleuropasnurnochzurAbgrenzung.Der
»Ereignismythos« ist inder arabisch-islamischenWeltmit jüngerenGeschich-
ten von Unterdrückung und Befreiung vonwesteuropäischer Herrschaft ver-
knüpft. Insofern ordnet er sich ein in eine zeitübergreifende Geschichte isla-
mischerZivilisationmitwestlicherUnzivilisation. InderwestlichenWahrneh-
mungkommtdieAblehnungderKreuzzügemitderAbgrenzungvomkirchlich
bestimmten finsterenMittelalter zusammen, während das Positivnarrativ der
historischenÜberwindungreligiösbestimmterPolitikwenigerdeutlichzulesen
ist.
ProblematischeNarrativeoder zudekonstruierender»Mythos«
AufgabederTagungwardie FragenachderTragfähigkeit desMythos-Begriffs
für dieGeschichtsdidaktik. Die ursprünglich in derReligionswissenschaft be-
heimateteRede vomMythos ist geeignet, bei Schulbuchanalysendas Interesse
auf weltbildorientierende Geschichten und ihreÜberlieferungsinteressen zu
fokussieren. Zugleich sichert die eigene Textgattung als UrgeschichteMythen
auch erst einmal ein Recht aufWahrnehmung ihrer eigenen Logik und ihres
Sitzes im Leben, bevor die Kritik einsetzt, wie etwa in der protestantischen
TheologieMitteleuropas daswirkungsmächtige Programmder Entmythologi-
sierung.DieFrage ist aber auch, obmandenkulturwissenschaftlichen Import
Mythos zur Beschreibung geschichtskultureller Phänomene braucht, wenn er
schon inder allgemeinenDiskussionum»KollektivesGedächtnis undErinne-
rungskulturen«68nicht so zentral ist, wie es nach denWerken Jan undAleida
Assmanns scheint, und auch in der politikwissenschaftlichen Diskussion die
legitimatorische Funktion vonMythen nach ihrerDelegitimierung ruft: »Der
politischeMythos,derimLaufederGeschichteimmeraufsNeueUnheilgestiftet
hat, sollte deshalb stets durch den entlarvenden Logos hinterfragt werden.«69
Geht man an Schulbücher primär fachwissenschaftlich oder gesellschafts-
politisch heran, so kann man den Begriff Mythos in seiner pejorativen Ab-
schattungalsFiktionleichtgebrauchen.Erkönnteaufeinegesellschaftspolitisch
relevante Darstellung hinweisen, in der die Komplexität in aus fachwissen-
68 MathiasBerek,KollektivesGedächtnis unddie gesellschaftlicheKonstruktionderWirklich-
keit,Wiesbaden:Harrassowitz, 2009;AstridErll,KollektivesGedächtnis undErinnerungs-
kulturen, Stuttgart/Weimar:Metzler, 2.Auflage2011.
69 Vgl. Yves Bizeul, »PolitischeMythen«, in: Heidi Hein-Kircher undHans Henning Hahn
(Hg.): PolitischeMythen im 19. und 20. Jahrhundert inMittel- und Osteuropa, Marburg:
Herder, 2006, 3–14, 14.
»Mythos«ersterKreuzzug 153
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher