Seite - 163 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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beit dieser Kommission offenbarte eine restriktive Flüchtlingspolitik und
mangelnde Hilfsbereitschaft der Schweiz während des Krieges sowie ausge-
prägteZurückhaltungbei derRückgabevonBesitztümernandieOpfer inder
Nachkriegszeit.22Dies geschah, nachdemHistorikerinnen undHistoriker die
Rolle der Schweiz im ZweitenWeltkrieg bereits zuvor in ein kritisches Licht
gerückthatten,weshalbJakobTannervoneinem»Konfliktverhältnis«zwischen
Geschichtsschreibung einerseits und kollektivem Gedächtnis und Erinne-
rungspolitikandererseits spricht.23
Seitden1990erJahrenfandeinneues,selbstkritischesSchweizbildEingangin
dieoffiziellePolitik,nicht jedochflächendeckendindaskollektiveGedächtnis.24
Dies zeigt etwa die Forschung vonNicole Peter undNicole Burgermeister, im
RahmendererGeschichtsbilder zurRollederSchweiz imZweitenWeltkrieg in
Mehrgenerationenfamilienerfragtwurden.25Demnachexistierenachwievordie
Vorstellung »einer Schweiz inNot undBedrängnis, die sich trotz eigener Ent-
behrungen durch humanitäres Engagement ausgezeichnet habe«. Die Shoa
werdeals »deutscheAngelegenheit« gedeutet, gegenüber einer kritischenAus-
einandersetzung mit der Rolle der Schweiz während des ZweitenWeltkriegs
bestündenallenthalbenWiderstände–unddiesüberGenerationsgrenzenhin-
weg.SostellendieAutorinnenfest,dass»wenigergenerationelleZugehörigkeit
als vielmehr soziale Herkunft sowie politische und ideologischeOrientierung
derTeilnehmendenentscheidendsindfürdieInterpretationundDeutungdieser
Vergangenheit«, man also nicht von einer Konfliktlinie zwischen der soge-
nannten Aktivdienstgeneration und den Nachgeborenen ausgehen könne. In
BezugaufdenUmgangmitderShoa inderSchweizkönnedamitnachAnsicht
der Autorinnen generationsübergreifend von einer »Kluft zwischen Erinne-
rungsimperativundkonkreterErinnerungspraxis«gesprochenwerden.26
Sowohl Tanner als auch Peter und Burgermeister konstatieren damit ein
Spannungsfeld aus einerseits Deutungen der Schweiz, wie sie im kollektiven
GedächtnismiteinerstarkenBeharrungskraftverankert sind,undandererseits
Ergebnissen der Geschichtswissenschaft, die dazu in Konkurrenz treten. Kei-
nesfalls soll andieser Stelle jedoch einemdichotomenGegensatz zwischenge-
22 B8atrice Ziegler, »Sektion:Über die Sackgasse bisheriger Perspektiven hinaus«, in: dies.
u.a.. (Hg.),DieSchweizunddieShoa.VonKontroversenzuneuenFragen,Zürich:Chronos
Verlag, 2012, 129–132, 129f.; Unabhängige Expertenkommission Schweiz – ZweiterWelt-
krieg(UEK):DieSchweiz,derNationalsozialismusundderZweiteWeltkrieg.Schlussbericht,
Zürich, 2002, online verfügbar unter: www.uek.ch/de/schlussbericht/synthese/uekd.pdf,
zuletzt geprüft am28.November2016.
23 Tanner,DieKrisederGedächtnisorte, 30ff.
24 Ziegler,ÜberdieSackgassebisherigerPerspektivenhinaus, 130.
25 PeterundBurgermeister,DerHolocaustunddieSchweiz.
26 Hier und vorausgehender Abschnitt: Peter und Burgermeister, Der Holocaust und die
Schweiz, 22, 28.
DieRollederSchweiz indenWeltkriegen 163
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Buch Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag"
Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher