Seite - 187 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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Mythosstellt indiesemOrchesterdersymbolischenPolitikjedochdurchausein
zentralesElementdar.UmdenKernbestanddiesesMythoszuklären,werdeich
michvorrangig auf IanKershawstützen sowie aufmeine eigenenForschungs-
arbeiten zur Rolle Hitlers auf inszenierten nationalsozialistischen Veranstal-
tungen und politischen Festen, daman sie als politischeMikrokosmen einer
verdichteten symbolischenPolitik lesenkann.12
DieöffentlicheWahrnehmungAdolfHitlers als politischerAkteur ist –wie
dies bei Mythen, die sich um Personen ranken, oft beobachtbar – von einer
medialen Inszenierung geprägt. Es geht dabei gar nicht vorrangig darum,wer
AdolfHitlerimbiografisch-psychologischenSinnwarundwasertatsächlichtat,
sondern primär darum, wieman seineHandlungen und seine Vergangenheit
sinnbildendmedial vermittelte.Die politischeKommunikationbzw.dienatio-
nalsozialistischePropaganda spielt dabei eine entscheidendeRolle.13
AdolfHitlerwurdeseitensseinerAnhängerInnenabdemBürgerbräu-Putsch
(1923) sukzessive zu einem politischen Helden mit quasireligiösen Zügen
hochstilisiert, der durch seine Entscheidungen und sein politisches Handeln
dazu imStandewäre, diedeutscheNationzu retten.Derdazu installiertepoli-
tische Mythos überhöhte seine Person zwischen persönlicher Herkunft,
Kriegserfahrung, genuiner politischer Idee, Opferbereitschaft, Gefängnishaft
und Aktivismus zum Retter der Gegenwart und Zukunft. Dies wurde inner-
parteilich dazu genutzt, umüber den »Führer-Mythos« »denMangel an ideo-
logischerEinheit undKlarheit verschiedenerFraktionen innerhalbderNS-Be-
wegung«auszugleichen.14 InderAußendarstellungdientederMythosdazu,ein
leuchtendesVorbildzuschaffen.GanzinderInterpretationvonAndreasDörner
übernimmtderMythosdabei, als Sinnkonstruktion,
eine Perspektivierung vonWelt, indem Schneisen und Präferenzstrukturen in die
unüberschaubaren Erfahrungsdaten eingezogen werden und Fragen nach dem
›Warum‹beantwortetwerden.SinnmachtdieWelt–einegegenwärtigeoderaucheine
zukünftige,nochzuschaffendeWelt–plausibelundevident.Sinnzeigt,daßetwas im
UnterschiedzuanderenMöglichkeitensoist,wiees ist; erbegründet,warumessoist,
und versichert, daß es gut ist. [… ] [Mythen]machen politische Realität nicht nur
wahrnehmbar,sondernunterlegenihrauchPlausibilitätsstrukturenundverleihendem
Handeln, andemmanselbstbeteiligt ist, Sinn.15
12 Vgl. Kershaw,DerHitler-Mythos; ChristophKühberger,Metaphern derMacht. Ein kultu-
rellerVergleichderpolitischenFeste imfaschistischenItalienundimnationalsozialistischen
Deutschland, Berlin: Lit, 2006; vgl. auch: Christoph Raichle,Hitler als Symbolpolitiker,
Stuttgart:Kohlhammer, 2014.
13 Vgl. einen ähnlichenZugang fürBenitoMussolini bei: LuisaPasserini,Mussolini immagi-
nario, Bari: Laterza, 1991.
14 Kershaw,DerHitler-Mythos, 41.
15 Dörner,PolitischerMythosundSymbolischePolitik, 52f.
Hitler-Mythen inösterreichischenGeschichtsschulbüchern 187
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher