Seite - 193 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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ZueinemBruchmitderPersonalisierunginderGeschichtsdidaktikkamesaber
vorallemaufgrundeineretwaszeitverzögertenRezeptionderUntersuchungvon
Ludwig von Friedeburg und Peter Hübner aus dem Jahr 1970.44 Sie konnten
nämlichineinerempirischenUntersuchungmitdeutschenJugendlichenzeigen,
dassdiesevorrangigeinpersonalisiertesGeschichtsbildbesaßen:
GeschichtlicheEreignisseund ihreZusammenhängewerden in aufgeblähtenKatego-
rienderAlltagserfahrungdargestellt,wosienicht–vorallembeiJüngerenetwabiszu
13 Jahren – ganz auf die normalen Kategorien ›unmittelbarerer‹ sogenannter kon-
kretistischerErfahrungenreduziertsind.Dieseerschöpfensichweitgehenddarin,daß
allehistorischenEreignisseundgesellschaftlichenVerhältnisseimmeralsdasErgebnis
desStrebensundHandelnseinzelnerPersonenaufgefaßtwerden.45
Klaus Bergmann verarbeitete in seinem Büchlein Personalisierung im Ge-
schichtsunterricht die Einsichten von Friedeburg/Hübner und konnte anhand
dergeschichtsdidaktischenTraditionenFehlentwicklungenaufdecken,diemeist
auf einer unkritisch rezipiertenEntwicklungspsychologie beruhten (insbeson-
dereaufdaswenig empirischabgesicherte Stufenmodell vonHeinrichRoth46).
Entsprechendeinerdemokratisch-emanzipatorischenGrundhaltungprangerte
Bergmannan,dassPersonalisierungdenjungenMenschenkeinenEinblickbiete
in die politischenMöglichkeitender einzelnenMenschen sowie in eineWahr-
nehmung von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Strukturen, die
durch »große Männer« verstellt würde, »innerhalb deren sich das Handeln
Einzelner, vonGruppen oder Klassen vollzieht.«47Darüber negiert die Perso-
nalisierung die Möglichkeiten der politischen Mitbestimmung/ -gestaltung
sämtlicherMitglieder einer Gesellschaft. Gleichzeitig führe es zu einer poten-
ziellen Leugnung vonMit-Verantwortung für politische Entwicklungen inner-
halb einer Gesellschaft, was letztlich zu einer Entschuldigung für das eigenen
politische Fehlverhalten verkommen könne.48 Der Gegensatz zwischen den
Persönlichkeiten, diePolitik/»Geschichte«machen, und jenen, die diesenPro-
zessen von oben ausgeliefert sind, befördere eine passiveWeltrezeption und
bilde einenpassivenBürgeroder einepassiveBürgerin aus.49DieBedenkenlo-
sigkeit,mit derHeinrichRoth imRahmenderElementarisierungdesHistori-
44 ÄhnlichArgumentiert auchBarbaraCaine imZusammenhangmit der biografischenFor-
schung inderGeschichtswissenschaft; vgl.Caine,BiographyandHistory, 23.
45 LudwigvonFriedeburgundPeterHübner,DasGeschichtsbildderJugend,München:Juventa
Verlag, 1970, 10.
46 Vgl. HeinrichRoth,KindundGeschichte. PsychologischeVoraussetzungen des Geschichts-
unterrichtes inderVolksschule,München:Kösel, 1955.
47 Bergmann,Personalisierung imGeschichtsunterricht–ErziehungzurDemokratie?, 41.
48 Ebd.
49 Ebd., 55f.
Hitler-Mythen inösterreichischenGeschichtsschulbüchern 193
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher