Seite - 222 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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Das Projekt der Reichsautobahnwurde von denNationalsozialisten durch
flankierende Propagandamaßnahmen vor allem zur »mentalen Aufrüstung«
genutzt. Entscheidendwar die wirtschaftliche Ausrichtung auf denKrieg, die
sinkendenArbeitslosenzahlen stellten imGrunde eher einNebenprodukt der
Kriegsvorbereitung dar.20 1933 waren rund 1000 Arbeitende für den ersten
Streckenabschnitt tätig, bisDezember4000und1934waren84.000Arbeitende
imgesamten»UnternehmenReichsautobahn«beschäftigt.DerMaximalzahlvon
125.000 direktenArbeitsplätzen im Jahr 1936 standen rund 1,8MillionenAr-
beitslosegegenüber. ImDezember1938warennoch91.000Arbeitendemitdem
Autobahnbaubeschäftigt und3000Kilometer Strecke inBetrieb genommen.21
Bis zurEinstellungderArbeiten imFrühjahr1942wurden3860KilometerAu-
tobahnen gebaut, die Zielplanung hatte bei 7000 Kilometer (mitÖsterreich
12.000) gelegen.Dies stellt denFaktenkerndesMythos dar.DerAutobahnbau
wurdenicht inersterLiniealsArbeitsbeschaffungsmaßnahme, sondernalsTeil
des»nationalsozialistischenAufbauprogramms«gesehen,er trugzwarbegrenzt
zumWirtschaftsaufschwung bei (Zulieferer,Maschinenbau, Baustoffindustrie,
Motorisierungu.a.),war abernurunerheblich amRückgangderArbeitslosig-
keit beteiligt.22
Motorisierung
Am11.Februar 1933 eröffneteHitler die Internationale Automobil- undMo-
torradausstellung und kündigte die Förderung der Motorisierung und des
Straßenbausan.1935kameninDeutschland16Pkwauf tausendEinwohner, im
Vergleich waren es zu dieser Zeit in den USA 204, in Frankreich 49 und in
Großbritannien45.Bis 1938 stiegdieGesamtzahl derPkwzwarauf 1,2Millio-
nen, lag aber weiterhin hinter denZahlen in denUSA, FrankreichundGroß-
britannien, so dass 1938 der Highway Commissioner ofMichigan feststellte:
»Germany has the roads while we have the traffic.«23Kein Autobahnarbeiter
20 Vgl.AdamTooze,ÖkonomiederZerstörung.DieGeschichte derWirtschaft imNationalso-
zialismus,München: Siedler, 2007, 37ff, 45ff., 55; Buchheim,DasNS-Regime, 402ff.; Hu-
mann, »Arbeitsschlacht«, 712ff. Bzgl. der Methoden und Zwangsmaßnahmen der wirt-
schaftlichen Kriegsvorbereitung und der »Arbeitsschlacht« vgl. Klaus Behnke (Hg.),
Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934–1940,
Salzhausen:VerlagPetraNettelbeck, 1980, 1934, 22ff., 214ff., 581ff.
21 Vgl. DetlevHumann, »Arbeitsschlacht«, 96ff.; UlrichHerbert u.a. (Hg.), Statistiken, Tab.
Anh.*/33, 83;Ludwig,Technikund Ingenieure, 334f.
22 Vgl.Tooze,ÖkonomiederZerstörung, 69ff.;Ritschl,Beschäftigungspolitik, 128ff.
23 ZitiertnachZeller,DrivingGermany,52;vgl.BruceE.Seely,»DeramerikanischeBlickaufdie
deutschen Autobahnen, Deutsche und amerikanische Autobahnbauer 1930–1965«, in:
TobiasKuster222
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher