Seite - 153 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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bungskoeffizienten geworden. Erzherzog Karl Franz Josef und ich
hatten jenes eigenartige Dokument als „gesehen" zu unterfertigen.
Eine praktische Bedeutung nahm es niemals.
Es ist begreiflich, daß sich die Presse auf das eingehendste mit
dem Ministerwechsel beschäftigte. Noch eingehender tat sie's mit
meiner Person, der sie als ,,Mann des Erzherzogs" wenig Wohlwollen
schenkte. Namentlich die Ungarn führten eine beredte Sprache.
Ich fuhr nach Sarajewo, um mich vom Korps, von Stadt, Land
und Leuten zu verabschieden. Der Empfang da unten war der feier-
lichste, und bei der folgenden Tages vor sich gehenden Abschieds-
vorstellung fehlte nicht eine der größern Korporationen. Es war
Formsache, Ausfluß des Gebräuchlichen, eine Ehrenbezeugung, die
man dem Vertrauensmann des Thronfolgers leistete. Nichtsdesto-
weniger war doch vielHerzlichkeit dabei, und es wurde mirunendlich
schwer, zu gehen, meinen neuenWeg anzutreten, vondem ich wußte,
daß er ein Dornenweg sein würde.
Am Abend vor meiner Wegfahrt gab's einen glänzenden militäri-
schen Fackelzug, dem ein Empfang bei mir folgte, wobei Potiorek
gehaltvolle Worte sprach. Am nächsten Tag bei ihm zu Gast, ge-
lobten wir uns still einverständlich gegenseitige Unterstützung, was
wir auch getreulich hielten.
Die Abreise gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der
in Flaggenschmuck prangenden Stadt. Ich war kein Freund rau-
schender Manifestationen, doch da unten waren sie vielleicht noch
angebracht. Anderseits tat meinem alten Soldatenherzen die mili-
tärische Inszenierung wohl. Dies wußte man und veranlaßte daher
ein wenig mehr, als das Reglement vorschrieb. Und als der Zug unter
den Klängen der Volkshymne den Bahnhof verließ und von den Wer-
ken die Geschütze ihre Blitze in das Abenddunkel sandten, der Ka-
nonendonner ins Coupe schallte, war mir's weh und froh zugleich,
und der Vorhang, der sich durch den Einbruch der Nacht herunter-
senkte, schloßauchdenschönstenundliebstenAktmeinesLebensab. —
Zur Schilderung meiner Tätigkeit als Kriegsminister übergehend,
sei zum Verständnis für jene Leser, die der Doppelmonarchie nicht
angehört haben, erwähnt, daß nach deren staatsrechtlichen Einrich-
tungen jeder der beiden Staaten eine volle und gänzlich selbständige
Regierung besaß, also Mininister-Präsidenten und eine Anzahl von
Ressort-Ministern, darunter auch je einen Landes-Verteidigungs-
Minister, dem die (österreichische resp. ungarische) Landwehr unter-
stand, der aber auch für alle auf die Heeresaufbringung bezügHchen
Gesetze in den betreffenden Vertretungskörpern parlamentarisch
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918