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Schon vor Übernahme des Portefeuilles hatten meine Beobach-
tungen zu den schwerstenBesorgnissen überdenBestandund dieAus-
rüstung der Artillerie geführt. Als ich den wirklichenStand der Dinge
genauer kennen lernte, war ich geradezu entsetzt. Ich behaupte
mit aller Bestimmtheit, daß, seitdem die Armee existierte, die Ar-
tillerie, die einst so berühmte österreichische Artillerie, noch nie in
einer relativ so ungünstigen und minderwertigen Verfassung war,
wie im Herbst 1911! Im vollenBewußtsein, daß ich damit einen Vor-
wurf gegen all jene erhebe, die diesen Zustand belassen und
nicht mit allen Mitteln bekämpft hatten, kann ich dennoch davon
nichts zurücknehmen, kann nur darauf hinweisen, daß trotz der
umfangreichen Vermehrung, die ich im I^aufe meiner kurzen Mini-
stertätigkeit selbstverantwortlich vornahm, die Artillerie im ersten
TeÜ des Krieges der russischen und serbischen Artillerie gegenüber
einfach inferior war.
Zur Illustration einige Daten: An Feldartillerie besaßen wir per
Infanteriedivision zur Not 36 Geschütze gegen 48 bei den Russen,
54 bei den Serben und 72 bei den Deutschen. Von diesen 36 Ge-
schützen waren nur 24 moderne Feldkanonen mit Rohrrücklauf und
Schutzschild. Doch waren auch diese modernen Kanonen jenen der
anderen Staaten in ballistischer Hinsicht, namentlich bezüglich der
Portee unterlegeni). Die 12 Feldhaubitzen wiesen aber— bei ziem-
lich günstigen ballistischen Verhältnissen— eine ganz antiquierte
Konstruktion auf, da sie weder eine Schnellfeuervorrichtimg noch
Schutzschüde hatten. Das istum so verwunderlicher, da sie imJahre
1901 eingestellt wurden, also zu einer Zeit, in der bei den andern
Armeen die Einführung von Schnellfeuergeschützen zum mindesten
bereits im Gange war.
An schwerer Feldartillerie waren (1911) schwere Haubitzdivisionen
(per Korps eine) teils aufgestellt, teils en cadre. Doch auch diese
Divisionen führten altes, aus dem Jahre 1880 stammendes Material,
das weder mit Schutzschüden noch mit einer Schnellfeuerv^orrichtung
versehen war. An Gebirgsartillerie gab's eine bescheidene Anzahl
(10) Gebirgsartillerieregimenter zu 6 Batterien ä 4 Geschützen, nach
drei verschiedenen Modellen. Nur die Gebirgshaubitzen repräsen-
tierten ein nach modernen Prinzipien konstruiertes Geschütz.
An Belagerungsartillerie besaß die Armee 24 cm-Mörser mit Auto-
zug und 12 cm-Kanonen, die im allgemeinen wohl leistungsfähig
*) Ursache war das starre Festhalten an der Geschützbronze, die nicht jene
brisanten Triebmittel vertrug, die zur Erreichung einer größeren Portee nötig
gewesen wären. Dem lagen wieder— poütische Motive zugrunde, von denen
noch gesprochen werden wird.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918