Seite - 167 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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bestimmt waren. Damit standen die Forderungen des Generalstabes
in diametralem Gegensatz. Dieser berief sich hierbei auf die vom
italienischen Parlament bereits bewilligte Quote von 30 Millionen
Lire, die innerhalb von zwei Jahren angesprochen werden konnte
und tatsächlich nur für Befestigungen an der österreichischen Grenze
zur Verwendung gelangte.
Ich entschloß mich, diese Verhältnisse an Ort und Stelle zu stu-
dieren, und bereiste, auch einem Wunsche des Kaisers entsprechend,
in forcierten Touren die Tiroler Fronten. Der Anblick belehrte
mich, daß unsere Fortsbauten wohl recht gut und nach modernen
Prinzipien angelegt vorwärts schritten, er belehrte mich aber auch,
daß die italienischen Befestigungen baulich weiter fortgeschritten
und weit zahlreicher und stärker armiert waren als die unseren.
Nach vielfachem Überlegen kam ich zu dem Entschluß, dem Bau-
und Schöpfungseifer des Generalstabes doch nur in engen Grenzen
nachzukommen. Hierzu veranlaßte mich die Überzeugung, daß es
mir ganz unmöglich sein würde, zu den geplanten Budgetüberschrei-
timgen noch neue hinzuzufügen. Erstere bezogen sich auf die Schaf-
fung lebender Kampfmittel, namentlich artilleristischer Natur, be-
saßen daher unter allen Umständen einen positiven Wert. Zu diesem
Zweck den Pakt meines Vorgängers zu lösen, selbst zu brechen, hielt
ich mit meinem Ge\\issen, vor allem mit meiner Verantwortlichkeit
noch vereinbar. Nicht so, wenn es sichum Beschaffung toter Kampf-
mittel handelte, deren Wert nur ein relativer war und die noch den
Nachteil mit sich gebracht hätten, daß sie im Anfangsstadium des
Krieges einen beträchtlichen Teil der mobilen Kampfkräfte gefesselt
haben würden. Dafür plädierte ich kräftigst für umfangreiche Kom-
munikationsbauten und besonders für die baldigste Ausgestaltung
der Aufmarschbahnlinien.
Bezüglich der Truppenunterkünfte und sonstiger Meliorationen
wurde alles Erreichbare bewilligt, und in dieser Hinsicht fand ich
beim Kommandanten des III. Korps, dem leider viel zu früh ver-
storbenen Feldzeugmeister Baron Leithner, einen ebenso rührigen wie
geschickten Interpreten meiner Wünsche und Ideen.
Es ist begreiflich, daß ich mich gelegentlich dieser Reise auch über
all die sonstigen militärischenund politischen Verhältnisse eingehendst
informierte. Was ich hierbei sah, war großenteils nicht erfreulich.
Seitens der Behörden fand ich gerade noch zur Not jenes Entgegen-
kommen, das sie einem der höchsten staatlichen Funktionäre schul-
deten. Seitens der Bevölkerung aber, insoweit sie der Intelligenz
oder Halbintelligenz angehörte, einekaum verhüllte Animosität, dafür
aber überall Anzeichen einer rührigen irredentistischen Wühlarbeit.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918