Seite - 172 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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mir gewesen sein. Das ging aber nicht an, weil Franz Ferdinand*)
sich vollständig auf meinen Standpunkt stellte, da auch er eine be-
schleunigte und intensive Rüstung bei Forterhalt des Friedens an-
strebte. So glitt denn Conrad vom Posten des Chefs des General-
stabes auf jenen eines Armeeinspektors hinüber, wobei ihm alle äußer-
lichen Ehren, vor allem das Großkreuz des lycopoldordens, zuteil
wurden.
Dieses Vorkommnis erregte allgemeines Aufsehen, was mich zu
einem Communique veranlaßte, darin in ruhiger, sachlicher Art die
Notwendigkeit eines zeitweiligen Personalwechsels erklärt wurde.
Doch auch der Chef der Militärkanzlei des Thronfolgers verfaßte in
diesem Belange einen mit vielfachen Aper9us versehenen Artikel, den
die Zeitungen sensationell brachten. Die Verärgerung, die daraus
entstand, mußte aber ich, der verantwortliche Minister, tragen, da
ich die Kanzlei des Thronfolgers nicht preisgeben durfte. Dies gab
meinen Widersachern wiederwillkommene Veranlassung, beim Träger
der Krone gegen mich zu schüren, was um so bedauerlicher war,
als gerade in den vorhergegangenen Tagen meine rastlosen Bemühun-
gen doch ein gewisses Vertrauen zu mir ausgelöst zuhaben schienen.
Ich spreche in diesen Blättern wiederholt von Conrad von Hötzen-
dorf. Doch bei der geschichtlichen Bedeutung, die ihm zukommt,
und unter Berücksichtigung der prädominanten Stellung, die er in
der Armee, im Staate, ja in ganz Europa im Weltkriege einnehmen
sollte, halte ich es für richtig, in kurzen Strichen ein Gesamtbild
dieser Persönlichkeit zu bieten.
Jedermann, ob er ihm nun freundlich oder mißgünstig gesmnt ist,
muß zugeben, daßConradvonHötzendorf einMann ist, dessen geistige
Qualitäten weit über das Mittelmaß gehen. Und da er sie alle in die
Richtung der militärischen Vervollkommnung gelenkt, erreichte er
darin eine hohe Stufe. Die Objektivität gebietet zu sagen, daß er
wohl kaum von einer der andern in Betrachtkommenden Persönlich-
keiten übertroffen wurde. Glühenden Ehrgeizes voU, wußte er den-
selben zu verbergen, wie ihm überhaupt nichts ferner als Anmaßung
lag, wiewohl ihm auch Eitelkeit eigen war, wenn sie sich auch äußer-
lich nicht oder wenigstens nur selten kundgab. Charakter und Geist
sind bei ihm nicht im Einklang. Letzterer ist der stärkere Teil, was
für einen ausübenden Militär, insbesondere in so überragender Stel-
1) Dem Erzherzog giug der Rücktritt Conrads nahe. Er opponierte beim
Kaiser heftig, konnte aber eine Änderxmg nicht bewirken. Mich sofort zu sich
entbietend, empfing er mich mit den zwar scherzhaft gesagten, doch immerhin
charakteristischen Worten: ,,Ich habe Sie hergebeten, um meinen Schmerz
an Ihrem Busen auszuweinen!"
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918