Seite - 189 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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ich nichts als ein leises Brummen der mälmeschüttelnden Löwen,
und selbst Apponyi lebte sich restlos in dem harmlosen Witz aus,
daß es ,,zu bedauern sei, auf der Ministerbank neben den zwd neuen
Männern nicht noch einen dritten neuen Mann zu sehen".
Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, führte ich
die Delegierten auf das Flugfeld bei Wiener-Neustadt und zeigte,
was zu zeigen war. Der Ausflug befriedigte mich sehr, da hierbei
den Delegierten das Verständnis für das bei uns noch in den Windeln
gelegene neueste Kriegsinstrument einigermaßen vermittelt wurde.
Anläßlich dieser Exkursion widmeten sich mir die beiden Grafen
Latour und Clam-Martinic auf das eingehendste, nachdem sie sich
schon während der ersten Vorsession mit meiner Person beschäftigt
hatten. Die intimen Beziehungen der beiden Grafen zum Thronfolger
kennend, wußte ich sehr wohl, daß dies einer Prüfung a\if Herz und
Nieren gleichbedeutend sei. Auch der greise Erzherzog Rainer wohnte
der Flugproduktion bei. Liebenswürdig wie stets, tat er folgenden
charakteristischen Ausspruch: „Nicht wahr, Exzellenz, wenn man
zu so hoher Stellung kommt, wie Sie, da lernt man die Menschen
erst so rechtkennen, schätzenimd—lieben!" Mitüberzeugtem Kopf-
nicken stimmte ich bei. Und jetzt, nach Jahren reichlicher Erfahrung,
möchte ich niederknien vor so viel Lebensweisheit und vor so rich-
tiger Wertung der meisten Menschen!
Auch in der österreichischen Delegation wurde dem ]VIinister des
Äußern Weihrauch gestreut. Wohl auch hier im gewollten Gegen-
satz zum Kriegsminister, der mit seinen steten Warnungssignalen
die Freude imd Gemütlichkeit verdarb. Es sei noch erwähnt,
daß der ukrainische Delegierte Smal Stocki eine sehr beachtenswerte
Rede hielt, in der er das russophile, hochverräterische Treiben seitens
der Markowgruppe scharf charakterisierte. Doch auch dieser unbe-
queme Warner wurde nicht gehört.
Der oberste Kriegsherr nahm meinen Bericht ohne irgendwelche
Bemerkung zur Kenntnis. Vom Thronfolger aber erhielt ich wieder
ein in herzlichsten Worten abgefaßtes Telegramm.
Am Abschluß der Session fand noch ein bis in die Morgenstunden
dauernder ^Ministerrat statt, wobei auf Wimsch des Kaisers die bos-
nisch-herzegowdnische Bahnfrage gelöst werden sollte, die bei allen
bisherigen Konferenzen an den Gegensätzen der österreichischenund
ungarischen Interessen, sowie am zähen politischen Egoismus der
Ungarn gescheitert war. Gleichzeitig sollte auch die Frage der dal-
matinischen vmd hochkroatischen — (Likabahn) — Linie geregelt
werden, was die Sache sehr komplizierte. Mein Leitmotiv in dieser
Angelegenheit ging dahin, möglichst rasch leistungsfähige Bahnen
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918