Seite - 191 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ukrainer einwirke. Stets an die große Sache denkend, ließ ich mich
bewegen, mit dem in Chlumetz weilenden Erzherzog diesbezüglich
in telephonischen Verkehr zu treten. Oberst Dr. Bardolff warnte
mich davor imd hatte recht. Wozu ewig für andere die Kastanien
aus dem Feuer holen! Der Erzherzog war auch klug genug, auf die
erbetene Intervention nicht einzugehen. Übrigens genügten dann
Unterhandlungen mitdem Parteichef Levicky,um das Abstimmungs-
resultat wieder zu sichern.
Wie schon eingangs dieses Kapitels detailliert, bereitete mir die
artilleristische Verfassung die größte Sorge. Besonders die Losung
der Haubitzenfrage ließ mir keine Ruhe. So fuhr ich nach Pilsen,
um bei Skoda diesbezüglich Umschau zu halten und um mich über
den Fortschritt .im Bau der 30,5 cm-Mörser zu erkundigen. Dieser
war erfreulich, und ichgewann die Überzeugung, daß Ende des kom-
menden Jahres— 1913— alle 24 Stück bereitstehen dürften. Unter
den vorgeführten Haubitzen gefiel mir ein Modell ausnehmend. Es
war zwar noch nicht vollständig ausprobiert, doch wollte ich es
dennoch ankaufen und damit die wichtigste Angelegenheit beschleu-
nigen. Als Rohmaterial dachte ich noch an die Bronze, dieses spe-
zifisch österreichische Produkt, das bei Haubitzen, die keine große
Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses benötigen, immerhin ver-
wendbar war. Nichtsdestoweniger nahm ich mir vor, das Etabhsse-
ment Skoda mitmeinem ganzen Einfluß zu stützenund die heimische
Stahlindustrie vom Ausland gänzlich unabhängig zu machen^).
Dann inspizierte ich die großen Munitionsdepots bei Bergstadtl,
in der Nähe von Budweis. Die Situation, die ich vorfand, im Verein
mit den traurigen Erfahrungen nach der Explosionskatastrophe bei
Felixdorf2) veranlaßte mich, die Stelle eines Inspektors für die tech-
^) Da die Skodaaktien nachmeinem Besuch in Pilsen stiegen, flatterte sofort
dieFama auf, ich wolle die Artillerie— zu Skodas Gunsten—mit Stahlrohren
aiiisrüsten. Daran war, wie oben erwähnt, kein wahres Wort. Im Interesse
der artilleristischen Leistungsfähigkeit ,,leider". Doch derKeim zu Zischeleien
war hierdurch gegeben, daraus dann in späterer Folge die mannigfachsten Ver-
leumdungen erwuchsen.
2) Die Explosion in Felixdorf ereignete sich im Juni. Die Detonation war
so stark, daß die Pferde im Prater scheuten, wo gerade an diesem Tage das
Preisreiten stattfand, dem auch— zum letzten Male— der Kaiser beiwohnte.
Ich fuhr vom Tvurfplatz sofort an die Unglücksstelle und besuchte die Ver-
wundeten in Wiener Neustadt, deren Anzahl leider groß war. Es gab auch im
weiten Umkreise Gebäudeschaden, der vom Militärärar ersetzt werden mußte.
Da manche Anzeichen auf einen verbrecherischen Anschlag deuteten— das
Attentat wiederholte sich an verschiedenen Mvmitionsdepots—, wurden mn-
fassende Vorsichtsmaßregeln angeordnet. Man führte auch eine Sicherungs-
beleuchtvmg ein, und wenn ich in späteren Jahren der Südbahn entlang fuhr,
grüßte mich die entschwundene Ministerzeit stets aus der damals entstandenen
lyichtzeüe
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918