Seite - 209 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Unter dem Zwang der äußern Ereignisse kamen die Delegationen
in ein rascheres Tempo. Mit den Sozialdemokraten Nemec^) imd
Schuhmayer hatte ich noch einen kleinen Strauß zu bestehen, doch
gab's keine wesentliche Störung. Und mit den Ungarn ging es über
Erwarten glatt. Die drohenden Gewitterwolken, die sich im Früh-
jahr über mein ministerielles Haupt zusammengezogen hatten, ver-
zogen sich fast völlig. Nur ein ganz leichter Sprühregen ging in der
Form nieder, daß die Delegierten mich ersuchten, von einemRout im
Kriegsministerium diesmal absehen zu wollen, da sie sich bei mir
noch nicht fetieren lassen könnten, wo sie doch erst vor halber Jahres-
frist ihren Parteigenossen und Wählern meinen Kopf versprochen
hatten. Dies sah ich auch ein. Dafür geleitete ich die Delegation
wieder auf das Neustädter Flugfeld, wo ich ihnen diesmal schon
Besseres zeigen konnte. Ein Geschwaderflug von Ein- und Zwei-
deckern imponierte den Anwesenden besonders.
Die Delegationsdiners bei Hof, die wde alljährlich folgten, wirkten
stets animierend auf die Stimmung der Teilnehmer. Diese Diners
erfreuten sich einer Berühmtheit. Ein vvätziger Mund tat den Aus-
spruch, daß es nach den Kaiserdiners keine Opposition mehr gäbe.
Und der Sozialdemokrat Schuhmayer rief einmal den Vertretern der
bourgeoisen Schichten zu: ,,Ja, sind Sie denn nur der Diäten und
der zwei Hofdiners wegen da?" Diese festlichen Veranstaltungen
übten tatsächlich — besonders auf einen Neuling — einen eigen-
artigen Nimbus aus. Die Sozialdemokraten taten daher nicht so un-
recht, diesen verführerischen und auch nivellierenden Festivitäten
fern zu bleiben. Die prunkvollen Säle, die illustre Gesellschaft, die
pompöse und dabei würdevolle Aufmachung, die herrliche Tafel und
nicht zuletzt das opulente Mahl wirkten nicht nur auf den Gaumen
und Magen, sondern auch auf Herz und Gemüt im regierungsfreund-
lichen Sinne ein. Allem voran war es aber das huldvolle Wesen des
Monarchen, das gefangen nahm. Die meist höchst einfachen An-
sprachen des Kaisers blieben dennoch selten ohne Effekt, und ich
sah dabei manch freudig erstrahlendes Demokratengesicht. Hie und
da gab's allerdings auch prämeditierte, gewissermaßen konzipierte
^) Bei der Debatte im Plenum, wobei Nemec wieder die Walze von den un-
erschwinglichen Älilitärlasten eingelegt hatte, konnte ich mir's nicht versagen,
von meinem tags vorher imternommenen Spaziergang in der Neuwaldegger
Gegend zu erzählen, wo ich das „zvun Umsinken belastete Volk" in zahllosen
Wirtsgärten beiWein, Bier, Musik undBackhähndln versammelt sah vmd hier-
durch zu meiner Freude den Eindruck gewann, daß die Steuerlast, speziell die
10%, die für Heereszwecke entfielen, weder dieGenußfreude noch dieGenuß-
möglichkeit irgendwie tangiert hätte. Die Lacher hatte ich auf meiner Seite,
doch eine Menge just nicht schmeichelhafter Anonyma flog mir darob ins
Haus.
14 Auffenberg 2O9
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918