Seite - 215 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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hineingezerrt werden. Wenn wir doch endlich eine Konferenz hätten,
wo ich dies ernsthaft sagen könnte. Es wird aber immer nur so
herumdebattiert.
Während der Rückfahrt nach Budapest Expose des Obersten
Metzger (Chef des operativen Büros) über die gesamte operative
Situation. Gut entwickelt. Nur wollen mir weder unsere Informa-
tionen noch jene der Deutschen gefallen.
11. November. Danew, bulgarischer Minister, in Budapest. Major
C. schildert ihn als geriebenen Rustre. Von seiner Mission, die ihn
auch in die andern europäischen Hauptstädte führen wird, sagt man
mir nichts. Wieder ein Beweis, daß wir nicht miteinander, sondern
nebeneinander arbeiten. Ich informiere den Minister des Äußern fast
täglich aufs genaueste. Alle schmeicheln Italien, in dessen Bündnis-
treue man im kritischen Moment die größten Zweifel setzt. Zu was
ist aber dann das ganze Bündnis? . . . Masar^^k und Kramaf! Ha-
ben eigentlich über die zu befolgende Politik richtige Ansichten.
Freilich mit andern Zielpunkten. Doch die behielten ja wir in der
Hand. Ansonsten müssen wir uns aber im Übergangsstadium be-
trachten. An die mihtärischen Vorbereitungen, die unerläßlich sind,
gehe ich schwersten Herzens.
12. November. Danew war bei Franz Ferdinand. Danach soll der
Erzherzog gesagt haben: „Jetzt kann ich wieder heimfahren, da ich
die Kriegsfurie an die Kette gelegt habe!" So ist seine Note. Bin
für heute abend bei ihm zur Audienz befohlen und gespannt." —
Diese Audienz war eigentlich die letzte ausführliche Besprechung,
die ich mit dem Thronfolger vor meiner Demission hatte. Sie fand
in Ofen in der Königsburg statt. DerAbend war mildund die Fenster
geöffnet, so daß man das feenhafte Nachtpanorama, das Budapest
stets bietet, überblicken konnte. Der Erzherzog war wohlgelaunt und
besprach sachliche und personelle Fragen. Ich glaube, daß der
Erzherzog in jenem Momente wirklich noch keine Ahnung hatte,
daß Krobatin vier Wochen später mein ernannter Nachfolger sein
würde. Dann kam er auf die politische Situation zu sprechen.
Hauptsächlich wurde die Frage erörtert, ob die Serben ans Meer zu
lassen wären oder nicht. Meine Anschauung hierüber ist den Lesern
schon bekannt. Der Erzherzog meinte, daß auch er für den Frieden
und gegen jeden vorzeitigen Kriegsausbruch sei. Von der Adria
müßten die Serben aber weg, dafür habe er sich bereits engagiert.
Ich dankte für diese präzise Mitteilimg, da ich jetzt wenigstens wisse,
wohin die Fahrt eigenthch gehe. Im Innern dachte ich aber, jetzt
heißt's doppelt vorbereiten, denn der gewählteWeg würde mindestens
bis an den Rand schwerster Komplikationen führen. Der Erzherzog
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918