Seite - 224 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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fügen möge. In dieser Richtung hatten sie nämlich immer Besorg-
nisse. Diesmal und bei all den mannigfachen späteren Gelegenheiten.
Sie hielten mich stets für einen Demagogen und nicht für das, was
ich immer war, für einen durch und durch loyalen, der Disziplin mit
Haut und Haar verfallenen Soldaten!
Dann ging ich zu Berchtold, der den seelischen Schmerz, seinen
ihn getreu imterstützenden Kollegen zu verlieren, mit philosophischer
Ruhe imd Seelengröße trug. Natürlich wäre es ihm niemals einge-
fallen, für mich nur einen Finger zu rühren, und man erzählte mir
später, daß der Einfluß, den ich auf den Gang der Geschäfte wieder-
holt genommen, ihn bedrückt hätte. Jedenfalls war er eines solchen
Druckes fürderhin unter meinem Nachfolger nicht mehr ausgesetzt.
Ins Büro zurückgekehrt, verständigte ich Boog und Csoban. Sie
waren beide konsterniert. An so was hatten sie weder gedacht noch
irgendwelche Anzeichen bemerkt. Krobatin, dessen Ernennung mir
zwar noch nicht offiziell mitgeteilt wurde, die aber nicht anzuzwei-
feln war, befand sich trotz der vorgerückten Sonntagsstunde noch
imBüro. Er hatte sichtlichgewartet. Denschweren Schlag, anmeiner
Stelle der Erste geworden zu sein, ertrug er mit Fassimg. Inwieweit
Krobatin an meinem Sturz tatsächHch mitgewirkt hatte, vermag ich
nicht zu beurteilen. Daß er ,,Dauphin" sei, hatte man ihm aber
wohl schon am Tage meiner Ernennung gesagt. Es ist daher mög-
lich, daß er ruhig zusah, wie die Dinge sich entwickeln würden. Und
mit ihm warteten diejenigen, die ihn herbeiwünschten. Es waren
dies—um nur von den Maßgebenden zu sprechen— all jene, die den
unbedingten Gehorsam und die stets imd zu allem bereite persönliche
Ergebenheit auch bei einem Minister als die schätzenswerteste und
wichtigste Eigenschaft ansahen.
Mich mitdem Urteil übermeinen Nachfolger beschränkend, möchte
ich nur sagen, daß er ein unermüdHcher Arbeiter, eine die technischen
Details und \mter normalen Verhältnissen auch die bürokratische
Maschine virtuos behandelnde administrative Kraft war. Daß er
schUeßlich dann unter einem kolossalen Eklat gerade daran schei-
terte, war sein Verhängnis, daraus ihn aber eine besondere, nur den
eigenen Willen kennende kaiserhche Gunst jäh herauszog, um ihn
nach aufwärts fallen zu lassen. Krobatin liebte die Details, vieles
andere anderen, namentHch den Chefs der Mihtärkanzlei, über-
lassend. Ausscliließlich Mann seines Ressorts, fühlte er sich nur als
Instrument der Exekutive, dessen alleinige Aufgabe es war, der Voll-
strecker des Willens und der wechselnden Absichten der Krone und
ihrer allmächtigen Berater zu sein. All dies schlug natürlich imbe-
grenzt zu seinem persönlichen Vorteil aus.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918