Seite - 450 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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mit seiner ii. deutschen Armee dabei die Entscheidung gab, und
überhaupt die eigentHch führende Hand war, mochte für Österreich-
Ungarn peinlich gewesen sein. Es bedeutete auch für alle Fälle den
Beginn der dann stets wachsenden deutschen Suprematie, so daß
schließlichunsereTruppenmehroder weniger aufdenRang unbesolde-
ter Hüfstruppen herunterglitten. Bei der Gesamtbeurteilung soll dies
aber außer Betracht fallen. Allerdings mußte da auch das Glück
wesentlich mithelfen, was sich— wie schon erwähnt— im russischen
Munitionsmangel manifestierte.
Man muß jedoch anderseits die Größe des russischen Entschlusses
anerkennen, dessen Leitmotiv gleich vom ersten Moment nach Ein-
tritt der Katastrophe dahin ging: die eigenen Heereskörper um jeden
Preis von jenen des Gegners rasch loszulösen und dabei auch vor den
größten Opfern nicht zurückzuschrecken. Hindenburg mit den Deut-
schen und der österreichisch-ungarischen 2. Armee auf der einen,
Mackensen und die übrigen österreichisch-ungarischen Armeen auf
der anderen Seite taten gewiß das Beste, um die Russen noch am
Bug und an den Pripjetsümpfen^) zu stellen und ihnen eine ent-
scheidende, nicht mehr gut zu machende Niederlage beizubringen,
was aber der geschickten Loslösung der Russen wegen nicht gelang.
Dies konnte russischerseits jedoch nur durch großzügige Maßnahmen
und durch gewolltes Opfern großer Räume sowie wichtiger Linien
und Punkte erfolgen. So geschah es auch, und die Ententeblätter,
namentlich die englischen, wanden dem Großfürsten Nikolajewitsch
nicht grundlos Ruhmesblätter. Tatsächlich hatte seine Großzügig-
keit die russischen Armeen aus einer höchst gefährlichen Situation
herausgebracht, ohne daß sie ihre Schlagfertigkeit gänzlich einbüßten,
was dann die Mittelmächte noch schmerzlich erfahren sollten.
Die Schuld, daß jener allgemeine Rückschlag und der ganz Polen
preisgebende Rückzug geschehen mußte, schob Nikolajewitsch dem
einst so gefeierten Kriegsminister Suchomlinow zu, den er für die
mangelnden Munitionsvorsorgen verantwortlich machte. Im Herbst
1917 wurde Suchomlinow dann zu ewiger Kerkernacht verurteilt.
Seine Verurteilung erfolgte jedoch nicht mehr vom Nikolajewitsch-
schen Feldgericht, sondern — der mittlerweile eingetretenen Ver-
änderung entsprechend— von einem Revolutionstribunal. Nichts-
destoweniger wird wolil erst die Geschichte feststellen, ob ihn wirk-
lich die Hauptschuld trifft.
^) Die Ungangbarkeit der Pripjetsümpfe, das Polesie, war seit Jahrzehnten
zu einem mihtärgeographischenDogma geworden, ähnhch wie jenes derTanew-
region. Von letzterem Irrtiim hatteman sich emanzipiert, von ersterem nicht,
was man zu eigenem Nachteil empfinden sollte.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918