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346 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
tät in Gießen. 1930 begannen deshalb offiziell die Verhandlungen über seine Nachfolge86.
Pirchan war von Anfang an als ein Kandidat im Gespräch, der alle Bedingungen erfüllte.
Seine Vorzüge lagen klar auf der Hand : Da Werunsky der Vorgänger Mayers gewesen
war, stand Pirchan als dessen Schüler und als Deutscher aus Böhmen für die Fortsetzung
einer gewissen Tradition. Dank der Beherrschung des Tschechischen und seiner guten
Kontakte zu den tschechischen Archivkollegen war er ausländischen Bewerbern gegen-
über im Vorteil. Da Pirchans Berufung in der Zuständigkeit des tschechoslowakischen
Schulministeriums lag, waren seine Beziehungen dorthin zweifelsohne wichtig. So offen-
kundig diese positiven Vorzeichen für ihn waren, gab es aber auch Schwächen in Pirchans
Bewerberprofil. Nicht zu Unrecht hatte er das Image eines gründlichen und sorgfältig
arbeitenden Wissenschaftlers, was bei weniger wohlwollender Betrachtung aber auch als
Langsamkeit interpretiert werden konnte. Auch wurde Pirchan keine herausragende Leis-
tungsfähigkeit nachgesagt87. So lag 1929 seine mittlerweile acht Jahre alte Habilitations-
schrift immer noch nicht gedruckt vor. Mehrmals erhielt er zusätzlichen Diensturlaub,
ließ wiederholt mit Berufung auf die Fertigstellung der Arbeit seine Lehrveranstaltungen
an der Deutschen Universität ausfallen88. Zudem wurde die Drucklegung vom tsche-
choslowakischen Schulministerium großzügig bezuschusst. Dennoch erschien das Werk
– gerade noch rechtzeitig in der Endphase der Verhandlungen um die Mayer-Nachfolge
– erst im Herbst 193089.
Neben Pirchan machte sich der ehrgeizige Hirsch–Schüler Pfitzner90, der erst kurz
86 Zu den Verhandlungen zur Berufung Pirchans siehe Pirchans PA im UAP sowie auf dieser aufbauend Kolář,
Geschichtswissenschaft in Zentraleuropa 1 (wie Anm. 3) 219–222. Informationen dazu enthalten überdies die
Korrespondenzen in den Nachlässen Pfitzner, Blaschka, Zatschek, Mayer und Hirsch.
87 Pfitzner bezeichnete ihn in einem Brief an Hirsch vom 02.05.1934 als „Fauler“. MÚA, NL Pfitzner.
88 Im WS 1922 sowie im SS 1925 und 1929. UAP, FF NU, PA Pirchan.
89 Noch im Juni 1930 waren Pirchan und Blaschka mit dem Erstellen des Registers beschäftigt. Blaschka berich-
tete Bergl am 01.06.1930 (NA, NL Blaschka, K. 6, Inv.-Nr 12) Folgendes : Schneller, als ich mich dessen versah,
ist das Donnerwetter über mich hereingebrochen. Heute früh gegen elf Uhr ging ich in die Kanzlei von Pirchan,
um nachzusehen, ob ich nicht mit etwas behilflich sein könnte. Wär ich doch lieber ich weiß nicht wohin gegangen!
Er hatte eine größere Menge Literaturhinweise fertig geklopft und da diese natürlich unübersichtlich sind, wenn sie
nicht alphabetisch eingereicht werden, so erbot ich mich, sie auseinanderzuschneiden. Nachdem es zu Streitigkeiten
darüber gekommen war, wie diese bibliografischen Angaben zu ordnen sind, sprang er [Pirchan] auf, brüllte
mich an wie ein großer Fleischerhund und schlug mit den Fäusten auf den Tisch – und wies mich vermutlich aus
dem Zimmer. Er kam mir dann in Ihre Kanzlei nach und sagte, er wolle mir die Zettel einreihen helfen. Er habe
nicht ausgeschlafen und ich ja. […] Hätte Herr Prof. Wostry nicht wiederholt gewünscht, ich solle dazuschauen,
ich wäre vielleicht imstande, die Registerzettel in den Ofen zu werfen. Nun, ohne spezielle Einladung wird er mich
jetzt nicht so bald in seiner Kanzlei sehen. Was kann ihn denn im Unterbewusstsein so gegen mich aufbringen ? Ich
kann doch nicht dafür, wenn ich vom Herrn Chef [Klicman] oder von Herrn Wostry nach dem Fortgang der Arbeit
gefragt werde, nicht die verbindliche Zusage geben zu können, dass sie „morgen“ fertig sein werde.
90 Zu Hirsch siehe Andreas H. Zajic, Hans Hirsch (1878–1940). Historiker und Wissenschaftsorganisator
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien