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374 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
und versöhnliche Äußerungen gegenüber den Tschechen sowie unpolitische Beiträge. Zu-
dem unterhielt Pirchan lange Zeit gute und freundschaftliche Kontakte zu tschechischen
Kollegen, sodass sich einige auch noch nach dem Mai 1945 positiv über ihn äußerten.
Außer dem Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft schweigen die Quellen weitgehend
über Pirchans Einstellung gegenüber dem NS-Regime nach 1939. Die Annexion der
„Resttschechei“ mit der Bildung des Protektorats begrüßte und untermauerte Pirchan
propagandistisch in wenigen, kurzen Publikationen. Mit diesen trug er dazu bei, die NS-
Herrschaft über die Tschechen zu legitimieren. Sein bereits zuvor konstruiertes Bild der
historischen Entwicklung Böhmens eignete sich dafür gut : Die Tschechen befänden sich
traditionell und kontinuierlich in einer gegenüber dem Deutschen Reich untergeordne-
ten Stellung und hätten davon im geschichtlichen Prozess profitiert. Der „völkisch-rassi-
schen“ Geschichtsbetrachtung des NS-Regimes stand er in Gutachten und Rezensionen
1940–1942 aufgeschlossen gegenüber. Deutlich wird jedoch auch, dass er ideologisch
nicht an „vorderster Front“ stand. Ohne Zweifel ist ihm dieses Verhalten positiv anzu-
rechnen, auch wenn er bereits in den Jahren vor 1938 keine Neigung gezeigt hatte, sich
gegenüber anderen hervorzutun.
Insgesamt ist Pirchan seinem ebenfalls gemäßigten und im Wesen eher versöhnlichen
denn militanten Generationskollegen Wostry an die Seite zu stellen. Wie dieser verblieb
er bei seinen Forschungen in den traditionellen Bahnen, in die ihn seine Ausbildung in
Prag und Wien geführt hatte. Ähnlich wie andere deutschböhmische Autoren (über-)
betonte Pirchan die politischen, kulturellen und ökonomischen „Leistungen“ der Deut-
schen in den böhmischen Ländern. Er bediente sich jedoch weder der sich in den 1930er
Jahren als neues Paradigma durchsetzenden „Volksgeschichte“ noch der „rassisch“ deter-
minierten Geschichtsschreibung der Nationalsozialisten. Dass er beide Richtungen aber
nicht ausdrücklich verwarf, wird angesichts des politisch-gesellschaftlichen Kontexts und
Pirchans deutschnationaler Einstellung nicht verwundern. Im Protektorat nahm er – wie
bereits zuvor in der Zwischenkriegszeit – keine besonders exponierte Stellung ein und
hielt sich von einer aktiven wissenschaftspolitischen Partizipation am NS-Regime fern.
Diese wurde allem Anschein nach auch nicht von ihm gefordert. Pirchans Beispiel zeigt
somit auch die vorhandenen Spielräume für das Verhalten von Historikern in der Zeit des
Nationalsozialismus auf. Die Mehrzahl seiner deutschen Prager Kollegen engagierte sich
nämlich freiwillig und aus Überzeugung für das NS-Regime.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien