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416 Alena Janatková
Verhältnissen sah der Verfasser nach dem katastrophale[n] Ende einer „neuzeitlichen Ent-
wicklung“ – unter Bezug auf Oswald Spenglers kulturpessimistische Schrift „Untergang des
Abendlandes“ (1918) – wieder das Mittelalter heraufziehen24. Und nun verrinnt das alles
mit diesem Strom im Nichts25. Die Lösung der Formprobleme wurde an den über unser
„kulturelles System“ hinauswirkenden Kräfte[n] festgemacht26, und zwar anstelle von Ideen/
Programmen/Parteibekenntnissen an den großen europäischen Menschenverbänden27 wie
dem Staat, der katholischen Kirche (mit Perspektive im kultisch-mythischen Katholizis-
mus), dem Nationalsozialismus (fremd, aber mit Ausblick durch sein Hinausgreifen über
das eigene Kultursystem) und den historischen Wissenschaften aufgrund ihrer Geburt durch
Fragen nach Hintergründen volklicher, rassischer Art28 : Die Erlösungsphantasien zielten auf
Neue Perspektiven29, und mit ihnen auf die genialen Vollbringer […] die eigentlichen Träger
des geschichtlichen Geschehens30, hervorgegangen aus dem Zusammenstoßen von polar ver-
schiedenen Charaktertypen bzw. Rassentypen31, auf die Züchtung von Genies32. Über vierzig
Seiten beanspruchen die biologistischen Ausführungen zu den neuen Perspektiven in Blick-
richtung auf Genie und „Rasse“, sie enden mit handschriftlichen Notizen zur Judenfrage,
die Swoboda in Hinsicht auf seine 1934 geschiedene Ehe zu analysieren suchte33. Aufgrund
24 Ebd. 24f.
25 Ebd. 19.
26 Ebd. 28 (Überschrift Abschnitt 28–60).
27 Ebd. 54.
28 Ebd. 59.
29 Ebd. 61 (Überschrift Abschnitt 61–106).
30 Ebd. 71.
31 Ebd. 72.
32 Ebd. 74f. In Swobodas Text finden sich unter anderem Verweise auf Werke folgender Autoren : Gottfried
Benn, Otto Brunner, James Frazer, Leo Frobenius, Fritz Graebner, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Sören Kier-
kegaard, Wolfgang Köhler, Ernst Kretschmer, Lucien Lévy-Bruhl, Wilfried Menghin, Friedrich Nietzsche, José
Ortega y Gasset, Erik Peterson, Max Scheler, Oswald Spengler, Ernst Troeltsch, Alfred Vierkandt, Max Weber
und Otto Weiniger.
33 Siehe Swoboda, Typoskript, (wie Anm. 1) : „Natürlicher Charakter“, Verhältnis des heutigen Europäers zum
Christentum. Mein Christentum : Jedenfalls hinter, mehr, vor der Ration, vorwissenschaftlich. Als geleugnete, unter-
drückte, bekämpfte Herkunft empfunden. Aber doch Teil von mir. In der denkenden, überlegenden Sphäre meines
Selbst ist es mir unmittelbar undenkbar. Ablehnung aller rationalen Anerkennung des Christentums, Dogma etc.
Meine Metaphysik ist keine christliche Metaphysik. Daher mein persönliches Verhältnis zum Juden : Bewußtsein der
vorhandenen, wenn auch unterdrückten „natürlichen“ Verschiedenheit. Das dagegen ankämpfende moderne Frei-
heitsgefühl (letzten Endes zwar antik-christlicher Herkunft) kämpft gegen die religiöse Kluft : Der sogenannte Juden-
fimmel. Daher meine Ehe. Hat also eine Art unbenennbar erlösende Absicht. Des fernsten, mir noch innerlich erreich-
baren Fremden. Analog meiner Sklavenbefreiung – Tendenz den Sklaven gegenüber und ähnlichen Erlebnissen am
eigenen Leib. […] Frage der Hinstellung zur Kulturfrage. Christentum meine Metaphysik, nicht Kultur als Selbst-
zweck, nicht Geschichte als Form für sich. Tendenz zum Genie. Erlösung durch Genies. Geniezucht. Zunächst. Von
daher Einstellung zum Staats-Volks-Gedanken bestimmt. Staat zurücktretend (nur gegebenes Verwirklichungsmittel
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien