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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 417
dieser Ausführungen wird Swoboda von Hans H. Aurenhammer als „nihilistischer rechter
Intellektueller“ charakterisiert34. Swobodas Haltung war zwar von einer nüchternen Ein-
schätzung der Folgen des nationalsozialistischen Lebensstils bestimmt : das Zurückdrängen
der Frau aus allen Lebensbereichen, wo sie nicht ihrer Natur nach geradezu unentbehrlich ist,
das beherrschende Hervortreten von Männerbünden, […] das Bedürfnis dieser Gruppen nach
straffer Führung, der darin liegende kriegerische Zug, das Streben nach körperlicher Ertüch-
tigung zu diesem Zweck ; Dinge, die wohl latent im Deutschen früher schon da waren, jetzt
aber in einer Weise bestimmend geworden sind, dass zu ihren Gunsten bisherige Lebensnotwen-
digkeiten zurückgestellt werden35. Trotz solch klarer Beobachtung des Nationalsozialismus
sollte Swoboda eben dieser Ideologie zuarbeiten. Er selbst schränkte seine negative Kritik
an der sozialen Widersinnigkeit des Nationalsozialismus sogleich ein : widersinnig aber nur
von den verschiedenen möglichen Standpunkten des bisherigen „kulturellen Systems“, vielleicht
aber nicht von solchen eines sich formierenden anderen36. Sein Gesinnungswandel vom Kul-
turpessimismus zum aktiven Nihilismus wurde in demselben Essay pathetisch mit Erneu-
erungsvisionen kraft Zerstörung begründet : Hier sind Impulse und Ergebnisse auf das Neue
hin fassbar. Triebkraft ist die europäische Notlage, wie im kirchlichen und politischen Leben.
Am bewußtesten formuliert von Nietzsche in seinem Begriff des aktiven Nihilismus. Im Absehen
von allem dem bisherigen „System“ angehörenden, Zerschlagen von allen in dieses bindenden
Fesseln liegt der Weg. […] Die europäische Geschichte tritt zurück (trotz Weltkrieg 1) hinter
ihm heute fremder Absichten). Blutzufuhr. Blutreinheit. Zur erneuten Kreuzungsfähigkeit. Für Isolierung Nord-
Süddeutschlands. Hebung des Bauern. Auflösung der Städte. Senkung des Niveaus der materiellen Kultur. Doppelte
Moral. Wissenschaft – Volk. Trennung der Schule, der Hochschule vom Staat, der zu selbstbestimmt ist. Autonomie.
Von hier gesehen sieht das Judenproblem aus : kein von unten her, mit zweiter Moral züchtbares Volk. Durch Ressenti-
ment zusammengehalten (bei wohl gegebenen rassischen Naturgrundlagen). Gegen Zionismus, als praktisch undurch-
führbar. Für Gewinnung von selbstentscheidenden modernen Menschen aus orthodoxem Reservoire. Also eigentlich
für Ghettojudentum. Gegen massenhafte willkürliche Vermischung. Gebietsweise verschieden. Im Westen und Süden
bei zurückgehender Zuwanderung für Assimilierung. In Deutschland und bei uns für Dissimilierung, die ja beim
freien Menschen aus Opposition den „Sprung“ nur verlockend machen wird. Im Osten für Dissimilierung, aber von
den Juden ausgehend. Hier sind sie (schon in der Tschechoslowakei) das Genieformat latentoffen [?]. Von der Vermi-
schungs- und Geniezeugungsfähigkeit müßten hier die Maximen abhängen. Also innerlich : christlicher Judenfreund,
bei Bewußtheit der Verschiedenheit, die nicht endlos sein soll, sondern der Hervorbringung eines Gemeinsamen, der
Genierasse, dient. Äußerlich : auf der gehobenen Stufe, Geniestufe, fällt das Judenproblem weg. Politisch : Für Dissi-
milation bei uns, dabei aber gegen alle unchristlichen Mittel, gegen alles Diffamierende : also tunlichst unpersönlich,
durch Konsens aller Betroffenen. […] Der selbstentscheidende Jude ist vorbei, der Ghettojude versteht mich ohnehin
nicht. Kamilla Swoboda emigrierte 1938 nach Prag, anders als der gemeinsame Sohn Michael Swoboda weigerte
sie sich zu fliehen, wurde 1939 deportiert und starb 1942 in Theresienstadt. Siehe Aurenhammer, Zäsur
(wie Anm. 2) 51f., Anm. 162 ; Edwin Lachnit, Fragmentarisches zu Kamilla Swoboda, in : Oskar Kokoschka
– Das Konzert. Variationen über ein Thema, hg. v. Reinhold Graf Bethusy-Huc (Salzburg 1988) 13f.
34 Aurenhammer, Zäsur (wie Anm. 2) 52.
35 Siehe Karl Maria Swoboda, Die gegenwärtige Lage (wie Anm. 1) 52f.
36 Siehe ebd. 53.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien