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Anerkennung als Opfer und Überwindung von Viktimisierungen:
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gleichberechtigt interagieren. Das Überwinden einer mit Passivität verbundenen
Opfer position, wie es sich Gamze Kubaşık wünscht (2014, 121), scheint – so legt es
die Inszenierung nahe – möglich. Nichtsdestotrotz werden am Ende beim erneu-
ten Erscheinen der Lücke im Bühnenbild auch die Grenzen des vorgeführten
Entwicklungsprozesses von (unbewussten) Viktimisierungen zu einer gemein-
samen produktiven Auseinandersetzung angedeutet: So wie die Auflösung der
Lücke in der Inszenierung auf die Zeit der Aufführung beschränkt ist, schließt
der Entwicklungsprozess zunächst nur die an der Entwicklung des Theaterpro-
jekts beteiligten Personen und nicht die gesamte Gesellschaft ein. Nicht unprob-
lematisch erscheint es zudem, dass die Inter aktion von den Schauspieler*innen,
die die deutsche Mehrheitsgesellschaft repräsentieren, gesteuert wird. Grundle-
gende Machtverhältnisse werden also nicht aufgebrochen.
Auch wenn sowohl Urteile als auch Die Lücke den Fokus auf die Per spektiven
von Angehörigen der Opfer des NSU bzw. von Betroffenen richten, setzen sie doch
unterschiedliche Schwerpunkte, die von der Anerkennung als Opfer von v.a. ins-
titutionellem Rassismus bis zur Überwindung von Viktimisierungen reichen. Ihre
dokumentarische Form, die einen Wirklichkeitsbezug mit künstlerischer Überfor-
mung verbindet, ermöglicht es, nicht nur das Spannungsfeld der Positionen von
Hinterbliebenen der NSU-Opfer, sondern auch die Komplexität, die theoretisch
mit dem Begriff des ‚Opfers‘ verbunden ist, abzubilden.
Literaturverzeichnis
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Fischer, 2014a.
Calis, Nuran David. „Die Lücke“. Hundertvierzehn: Das literarische Online-Magazin des
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Dreysse, Miriam, und Florian Malzacher. „Vorwort“. Experten des Alltags: Das Theater von
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Englhart, Andreas. Das Theater der Gegenwart. München: C. H. Beck, 2013.
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Fischer-Lichte, Erika. „Die Wiederholung als Ereignis: Reenactment als Aneignung von
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transcript, 2012. 13–52.
Giglioli, Daniele. Die Opferfalle: Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt. Übers. von Max
Henninger. Berlin: Matthes & Seitz, 2015.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher