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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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176    Dagmar Gramshammer-Hohl Dieses Zitat veranschaulicht die ganze WillkĂŒr, BrutalitĂ€t und Sinnlosigkeit des Krieges, die jene, die im Land geblieben sind, erfahren mĂŒssen. Die ErzĂ€h- lung bleibt dennoch distanziert. WĂ€hrend jene „ErzĂ€hlscherben“, die sich auf Ismets Geschichte beziehen, von einem erlebenden und erzĂ€hlenden Ich geschil- dert werden, stellt ein heterodiegetischer ErzĂ€hler jene „Scherben“ vor, die auf Mustafa Bezug nehmen. Was Emigrierte und im Land Gebliebene in Prcićs und Hemons Romanen voneinander trennt, ist die Erfahrung, den Krieg durchgemacht zu haben – oder aber das Fehlen dieser Erfahrung. Gunn H. SĂžfting spricht von einem „experien- tial gap“ (zitiert nach Stefansson 2004, 67). In Hemons Nowhere Man findet sich genau in der Mitte des Textes, als vierter Teil des Romans, ein kurzer Brief. Dieser ist von Proneks Freund Mirza aus Sarajevo verfasst und von Pronek selbst in feh- lerhaftes Englisch ĂŒbersetzt worden. Er erzĂ€hlt von den GrĂ€ueln der Belagerung Sarajevos und des Bosnienkrieges und davon, wie diese die Persönlichkeit der Menschen geprĂ€gt und deformiert haben. Die Tatsache, dass die Leser*innen mit einer Übersetzung des Briefes in eher mangelhaftem Englisch konfrontiert sind, kann als ein eindrĂŒcklicher Versuch interpretiert werden, die UnĂŒbersetzbarkeit der Kriegserfahrung zu demonstrieren. Mirza berichtet Pronek von fĂŒr ihn wichtigen Begebenheiten und kommen- tiert diese, indem er darauf hinweist, was Pronek nicht weiß, zum Beispiel: „I was with my friend Jasmin (you don’t know him)“ (Hemon 2012, 96–97); „I don’t know if you know where is Ćœuč, but many people died there“ (2012, 97); „You didn’t see nothing until you see when grenade hits line for water“ (2012, 97); „You don’t know Treskavica.[
] You cannot imagine Treskavica. [
] Last battle of the war was on Treskavica, I don’t know if you know that“ (2012, 98). Schließlich gesteht Mirza, dass er nicht anders kann, als ĂŒber Dinge nachzudenken und zu sprechen, die Menschen, welche den Krieg nicht gesehen haben, nicht verstehen können: [
] I talk too much. See I don’t know what about can I talk. War is everything to me. I want to talk about something different, but I didn’t see no movies, no music, no books. (2012, 97–98) I am sorry I talk too much. We in Sarajevo have nobody to talk, just each other, nobody wants to listen to these stories. (2012, 99) Man könnte sagen, dass Mirzas Brief – oder, genauer gesagt, Proneks fehlerhafte Übersetzung von Mirzas Brief – formal (als der vierte von sieben Teilen) wie inhaltlich als das HerzstĂŒck des Romans fungiert und eine Art Symmetrieachse bildet: Er steht fĂŒr die Trennlinie zwischen dem Leben vor dem Krieg und danach ebenso wie zwischen jenen, die den Krieg durchlebt haben, und jenen, die ihm entronnen sind.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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