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Ioannis Pangalos
Die Überwindung traditioneller
Opfernarrative in spanischen und
griechischen Bürgerkriegsromanen
seit den späten 1990er Jahren
Einleitung
In meinem Artikel beabsichtige ich einen Paradigmenwechsel aufzuzeigen, der
sich, so meine These, in der griechischen und spanischen Bürger
kriegsliteratur
um die Zeit des Millenniums anbahnt, sowie seine wichtigsten Charakteristika
– eines davon ist die Überwindung gängiger Opfernarrative – zu beschreiben.
Ferner will ich auf die gesellschaftlichen und theoretischen Prämissen einge-
hen, die diesen literarischen Wandel ermöglichen und die ich unter den ‚expe-
rimentellen‘, nicht eingebürgerten Begriff metamnemonial (Pangalos 2017, 380)
subsumiere. Einleitend möchte ich lediglich dasjenige Merkmal ansprechen, das
meines Erachtens in der angedeuteten Situation der Jahrhundertschwelle am
gewichtigsten für die ‚neue‘ Literatur ist: Die kommunikativen Gemeinschaften,
die die Erinnerung an die leiderfüllten Ereignisse der Mitte des zwanzigsten Jahr-
hunderts lebendig tradieren, sind in Auflösung begriffen. Diese Gruppen favori-
sierten in der Regel das eine oder das andere der in die Auseinandersetzungen
involvierten ‚Lager‘, wobei sich das eine jeweils zum Opfer des anderen stilisierte.
In diesem von Bipolarität gekennzeichneten Zustand erfüllte die Literatur eine
bestimmte Funktion: Sie narrativierte den angestrebten Opferstatus und lieferte
kulturelle Symbole, die für die eine oder andere Gemeinschaft, des rechten oder
des linken politischen Lagers, verbindlich und verbindend waren. Die Auflösung
der – mehr oder weniger – kompakten politischen Blöcke bedingt nun die ‚Hei-
matlosigkeit‘ der zeitgenössischen Literatur in Bezug auf die Integration in ein
bestimmtes Erinnerungskollektiv und verleiht ihr auch ihr besonderes Gepräge.
Bevor ich allerdings auf die literarischen Darstellungen eingehe, gebe ich im
ersten Abschnitt knapp einige historische Eckdaten zu den Bürgerkriegen sowie
ihren (politischen) Folgen in beiden Ländern und gehe vergleichend auf den
(offiziellen) Umgang mit der Erinnerung an die traumatische Zeit des ‚Bruder-
krieges‘ ein. Der zweite Abschnitt widmet sich dann der Stellung, die die Literatur
in diesen gespaltenen Gesellschaften innehat. Es werden einige Haupttendenzen
bis in die 1980er Jahre hinein skizziert. Dabei wird eine notwendige terminolo-
gische Klärung vorgenommen: Der größte Teil der (anspruchsvollen) Texte ist
Open Access. © 2020 Ioannis Pangalos, publiziert von De Gruyter.
Dieses
Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-014
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher