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von dort per Schiff nach Palästina.480 Darunter war auch der aus Leoben stammende
Gideon Röhr, der über seine Flucht wie folgt berichtete:
„Der Transport umfasste 360 Teilnehmer im Alter von 15 bis 30 Jahren,
davon vier aus Leoben. Die ersten Schwierigkeiten traten schon beim Grenz-
übergang in Spielfeld auf, wo ein Teil der Teilnehmer zurückgehalten wurde.
Erst nach zähen und schwierigen Verhandlungen und nach einer äußerst
strengen Grenzkontrolle, wobei jegliche Gegenstände wie Ringe, Uhren und
Armbänder rücksichtslos beschlagnahmt wurden, durften wir am nächsten
Tag die Weiterreise durch die Balkanländer in plombierten Waggons an-
treten. Nach kurzem Aufenthalt in Griechenland wurden wir auf drei aus-
gediente Fischkutter eingeschifft, deren Besatzung sich nicht mit Fischerei,
sondern mit Menschen- und Waffenschmuggel beschäftigte. Nach zehntägi-
ger Reise ohne richtige Verpflegung und unter miserablen sanitären Verhält-
nissen wurden wir auf offener See auf einen der Fischkutter umgebootet und
so zusammengepfercht dauerte es noch Tage, bis wir die palästinensische
Küste erreichten. Die Ausbootung geschah in der Dunkelheit, um nicht von
britischen Polizeipatrouillenbooten entdeckt zu werden. Von der Küste aus
wurden Lichtsignale gegeben, auf Grund derer Rettungsboote flott gemacht
wurden, die uns in die Nähe des Strandes brachten. Den Rucksack am Rü-
cken, meine Geige in der erhobenen rechten Hand, sprang ich aus dem Boot
und kämpfte mich durch die Brandung an Land.“481
Nachdem das von internationalen jüdischen Organisationen, jüdischen Privatiers,
und teils von der Wiener Kultusgemeinde mitfinanzierte Unternehmen bekannt
wurde, stiegen die Mitgliederzahlen des „Betars“ sprunghaft an und es meldeten
sich immer mehr Personen zu Schiffstransporten an. Angesichts der beschränk-
ten Aufnahmefähigkeit der Schiffe wurde an der strengen Auswahl der Teilneh-
merinnen und Teilnehmer, die ein Vorbereitungsprogramm absolvieren und eine
einwandfreie körperliche und geistige Verfassung haben mussten, zumeist aber
festgehalten.
Perl und der Großteil der anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren
im Sommer und Herbst 1938 selbst emigriert, das Büro am Stubenring wurde im
Januar 1939 von den Nationalsozialisten geschlossen. Im März 1940 übernahm
der „Ausschuss für jüdische Überseetransporte“ unter der Leitung von Berthold
Storfer die Funktion der zentralen Koordinationsstelle für sämtliche aus dem Reich
abgehende Palästina-Transporte (siehe unten).
Trotz der vor allem auf den weit verzweigten Netzwerken basierenden großen
Erfolge der Gruppe um Perl ist eine erstaunlich hohe Anzahl an „revisionistischen“
Transporten von den Briten aufgegriffen worden. Zahlreiche Einzelheiten zur Pla-
480 Vgl. Wolfgang von Weisl, Illegale Transporte. In: Ders. (Hg.): Die Juden in der Armee Österreich-
Ungarns, Tel Aviv 1971, S. 23–34.
481 Victoria Kumar, In Graz und andernorts. Lebenswege und Erinnerungen vertriebener Jüdinnen
und Juden, Graz 2013, S. 132.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Titel
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Untertitel
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Autor
- Victoria Kumar
- Verlag
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Ort
- Innsbruck
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Abmessungen
- 15.6 x 23.4 cm
- Seiten
- 216
- Schlagwörter
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918