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Wege zu verantwortungsvoller Forschung und Entwicklung …
Pflegesituation – und zwar aus einem ganzheitlichen Blickwinkel, schließlich müs-
sen sich neue Hilfsmittel im Gesamtkontext der Pflege bewähren (vgl. Elsbernd et al.
2015, S. 70) – können anschließend technische Unterstützungsbedarfe abgeleitet wer-
den. Es liegt auf der Hand, dass dieses Unterfangen den technischen Blickwinkel bei
Weitem sprengt, vielmehr von fundamental interdisziplinärer Art ist: Von Bedeutung
ist insbesondere die sozialwissenschaftliche, arbeitswissenschaftliche und pflege-
wissenschaftliche Expertise.
2. Partizipative Technikgestaltung: Die Nutzerperspektive gilt es nicht nur bei der
Bedarfserhebung (wie oben skizziert) zu berücksichtigen, sondern sie ist auch bei der
konkreten Technikgestaltung einzubeziehen – schließlich sollen ja Lösungen resul-
tieren, die die Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer optimal abbilden und auf ent-
sprechende Akzeptanz stoßen. Methodisch kann dies beispielsweise mit dem Ansatz
des szenariobasierten Designs erreicht werden: Technische Einsatzszenarien, die auf
Grundlage der Bedarfserhebung entwickelt wurden, werden dabei anschaulich dar-
gestellt und mit den Nutzern abgestimmt. Die partizipative Ausrichtung der Bedarfs-
orientierung lässt sich konzeptionell im constructive technology assessment verorten,
ein Ansatz, der von der unauflösbaren Verwobenheit technischer sowie gesellschaft-
licher Entwicklungen ausgeht (Weinberger und Decker 2015, S. 37 f.).
3. Iterativer Wissenstransfer: Die bedarfsorientierte Technikentwicklung beginnt mit
der Bedarfserhebung und endet bestenfalls mit einem innovativen Produkt, das zur
Verbesserung der Pflege beitragen kann. Der Weg, der dahin führt, ist allerdings kein
geradliniger: Neben den ermittelten Bedarfen gilt es notgedrungen auch Aspekte der
technischen sowie später auch der betriebswirtschaftlichen Machbarkeit zu berück-
sichtigen, sodass die realisierten Lösungen über die verschiedenen Entwicklungsstufen
hinweg (Produktvision, Umsetzungskonzept, Prototyp, Pilotanwendung) immer wie-
der neu auf ihre Bedarfsadäquanz hin zu befragen (und ggf. entsprechend anzupassen)
sind. Das Resultat ist, im Idealfall zumindest, eine „Wissenstransferschleife“, in der
die Perspektiven der relevanten Akteure – Nutzer, Techniker, Produktdesigner, Herstel-
ler – iterativ miteinander verwoben sind (Derpmann und Compagna 2009, S. 20).
Die hohen methodischen Anforderungen an bedarfsorientierte Innovationsprozesse
sollten deutlich geworden sein. Der Bedarfsorientierung inhärent ist zudem ihre Ergeb-
nisoffenheit: Welche der ermittelten Bedarfe sich letztendlich technisch erfüllen
lassen, ist aufgrund des iterativen Vorgehens vorab nicht planbar. Dies weist der öffent-
lichen Forschungsförderung insbesondere in den frühen, produktfernen Stadien eine ent-
scheidende Rolle zu, da privatwirtschaftliche Akteure zu diesem Zeitpunkt aufgrund der
verbundenen Investitionsrisiken in der Regel kaum zu größerem finanziellem Engage-
ment bereit sind.
Insgesamt ist zu beobachten, dass die Forschungspolitik in den letzten Jahren tat-
sächlich partizipativen und bedarfsorientierten Ansätzen zunehmend größere Aufmerk-
samkeit geschenkt hat, ja mehr noch, diese sogar verstärkt in ihre Forschungsprogramme
integriert. So wurde in „Horizont 2020“, dem 7. Forschungsrahmenprogramm der EU,
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