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Pflegeroboter: Analyse und Bewertung aus Sicht …
„Deutungsrepertoire“, das heißt über explorative Verfahren wie bspw. das der faszialen
Ausdrucksanalyse, durch welches biografisch essenzielle Anliegen dieser Menschen
erschlossen werden können. Inwieweit dieses in einer leiblich-sozialen Existenzweise
des Menschen (u. a. Becker 2003) verankerte intuitive Vermögen auf epistemischer
Ebene künstlicher Intelligenz in robotischen Systemen ersetzt werden kann, ist eine
offene Frage.
Wie verhält es sich mit „Lebensqualität“ als ethischem Bewertungskriterium nicht
nur von pflegerischen Interventionen, sondern auch von installierten technischen Arte-
fakten? Gemäß Lawton et al. (1996) beinhaltet das Lebensqualitätsmodell bei Demenz-
kranken folgende Bewertungsdimensionen: a) räumliche Umwelt, b) soziale Umwelt, c)
Betreuungsqualität, d) subjektives Erleben und emotionale Befindlichkeit. In dieser vier-
ten Dimension sind Ansatzpunkte für einen legitimen Einsatz von Emotionsrobotern zu
prüfen. Sie treten gewissermaßen in eine Konkurrenz mit originär pflegerischen Inter-
ventionen. Dazu gehören: auf verbalsprachlicher Ebene gezielte Ansprache und Kom-
munikation; auf nonverbaler Ebene visuelle, auditive und gustatorische Anregungen
zur Förderung subjektiver Erlebnisfähigkeit und zur Vermeidung von Einsamkeit und
Isolation. Ob hier von einer echten Konkurrenz gesprochen werden kann, könnte allein
schon aus technologischen Gründen problematisiert werden.
Von welchen Voraussetzungen ist beim Einsatz von Emotionsrobotern bei demenziell
Erkrankten auszugehen? Ihren algorithmischen Basisfunktionen nach sind Emotions-
roboter wie PARO auf reproduzierbare Verhaltensschemata orientiert und programmiert.
Es ist ihnen nicht möglich, durch situative Bewertungen eine differenzierte Antwort im
Sinne eines auf die persönlichen Gefühlslagen ausgerichteten Verhaltensangebots zu
generieren. Sie sind nach rein behavioristischen Mustern und Oberflächenphänomenen
menschlichen Orientierungs- und Aktionsvermögens konstruiert. Dies mag sich im
Zuge eines zukünftigen Zuwachses an Lernfähigkeit künstlicher Intelligenzen, d. h. der
kontinuierlichen Anpassung z. B. robotischer Systeme an ihre Umgebungen, ändern.4
Abgesehen von diesen aus einer technischen Bewertungsperspektive zu erörternden
Fragen ergeben sich weitere Fragen aus einer empirisch-sozialwissenschaftlichen Pers-
pektive. Zwar gibt es ‒ als Messergebnis auf rein behavioraler Ebene und mit metho-
dischen Einschränkungen (häufig sehr kleine Fallzahlen) ‒ Hinweise auf vermehrtes
kommunikatives Verhalten, Entspannung, verminderte Einsamkeitsgefühle, vermehrte
neuronale Aktivität, verminderten Stress beim Einsatz von PARO bei Betroffenen sowie
auf Entlastungseffekte beim Pflegepersonal (Robinson et al. 2015; Sung et al. 2015;
4Hochbedeutsam wäre dies, wenn PARO durch einen humanoiden Roboter ersetzt würde. Die
Lernalgorithmen solcher Roboter würden verlangen, „dass Menschen mit ihm ‚wie mit Men-
schen‘ umgehen“ (Decker 2010, S. 51). Das wäre im Falle von Demenzkranken deswegen aber
verheerend, weil damit alle Maßstäbe eines professionellen Umgangs verletzt würden, welcher auf
Fähigkeiten der Reflexion und der dadurch erst möglichen situativen Abstimmung des Verhaltens
beruht.
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