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in fear of the Nazi army, but under pressure from the Hungarian extreme right, and at
most inemulationof theGermanmodel.91
Bereits inBezug auf die Zeit vor der deutschenBesatzungwird auf die Fatalität
der Erkenntnis „signifikanter“Mittelschichtsgruppenhingewiesen, dass sie vom
Raub jüdischen Eigentums profitieren könnten. Nach der deutschen Besatzung
sei ferner ‚arisiertes‘Eigentumandie nichtjüdischeBevölkerungweitergegeben
worden, wobei von einer „active and gleeful cooperation of a not insignificant
part of the local population“dieRede ist. SchonungsloswirddieMitverantwor-
tunghieraufgearbeitet:
Confiscated Jewish property was claimed by […] masses of the non-Jewish population.
Hundredsof thousandsofpeopleappliedfor Jewishproperty,whilesomesimplybrokeinto
and ransacked the sealed homes of deportees. In Budapest alone, 60,000 persons put in
claimsfor Jewishapartments,andtheclaimsof22,000werefoundtohave„merit“.92
Vondenhier analysiertenMuseen istdasHDKEsomitdasjenigemitder stärks-
ten Inklusion des ‚negativenGedächtnisses‘ an die von derMehrheitsbevölke-
rungbegangenen,nichtselbsterlittenenVerbrechen.
DerproblematischeVersucheinerRücksichtnahmeaufdennationalistischen
Diskurs inUngarn findet sichhingegenbeiderBemühung, zuunterstreichen,
wie integriert undwichtig ‚die Juden‘ für Ungarn gewesen seien. Dass sie in
der Ausstellung häufig als „ungarische Staatsbürger“ oder als „zu Juden er-
klärteungarischeStaatsbürger“bezeichnetwerden,mussalsReaktionaufdie
inUngarnseit LangemgeführtenDebattenüberdieFrageverstandenwerden,
ob Jüdinnen und Juden als Teil der ungarischen Nation betrachtet werden
können. Die Budapester Jüdinnen und Juden werden einmal in der Ausstel-
lungalsTeil einergrößerenLeidensgemeinschaft charakterisiert:
91 DievonImkeHansenundReginaFritz formulierteKritik,wonach„entgegendersonst sehr
kritischenAusstellungsnarration in der imRaum ‚Entrechtung‘ gezeigtenDokumentation die
VerantwortungvonReichsverweserHorthymarginalisiert“werde (FritzundHansen2008,80)
und „die bereits vor dem deutschen Einmarsch eingeführten ungarischen antisemitischen
Maßnahmen“nicht„kritisiert“ (FritzundHansen2008,81)würden,kannhiernichtnachvoll-
zogenwerden. (Vgl. dazu ausführlicher Radonić 2014b, 96; 2014c, 7) Fritz nimmtdiese Kritik
später teilweise zurück,wenn sie in ihrer Dissertation schreibt, dass „in der Ausstellung auf
zahlreichen Texttafeln die antijüdischenMaßnahmendesHorthy-Regimes ausführlich darge-
stelltwerden.“ (Fritz2012,302)
92 Somit kannder vonFritz geübtenKritik hier nicht zugestimmtwerden,wenn sie schreibt:
„BeispielsweisewirddiematerielleBereicherungderungarischenBevölkerungandenDepor-
tationenanhandvonzweiFotografien thematisiert, dieTexttafelngehenaufdiesenAspekt je-
dochnichtnäherein.“ (Fritz2012,301)
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 125
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918