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2012als auch imAusweichquartierwortgleicherörtert. ImAusweichquartier ist
dieAusstellungnur lettisch-englisch, hier derdeutscheText, der bis 2012 auch
zulesenwar:
DieNazis sind bestrebt,möglichst viele Einheimische in die Judenvernichtungsaktionen
einzubinden, ihreAbsicht, spontaneJudenpogromezuprovozieren,erfüllt sichnicht.An-
fang Juli 1941 stellt dieEinsatzgruppeAderdeutschenSicherheitspolizei unddes SDein
ca. 300-Mann Sonderkommando aus einheimischen Freiwilligen unter der Leitung von
Viktors Arājs zusammen. Im Sommer undHerbst 1941 ermordenMitglieder dieses Kom-
mandos rund26000vonLettlands Juden.ÄhnlicheMannschaftenwerdenvondenNazis
auch in Jelgava,Valmiera,Daugavpils, Iluksteundandernorts aufgestellt. DieMitglieder
dieser Einheit sowie Angehörige der Ordnungs- und Hilfspolizei werden von den Nazis
während der Massenvernichtungsaktionen auch zur Verhaftung von Juden und Bewa-
chungderMordstätteneingesetzt.
WährenddieAusstellungaus 1998undder englischeKatalogaus2008124diese
Tatsachen festhaltenundesdabei belassen,werdendieMassenverbrechendes
Arājs-Kommandos indendeutschenKatalogenaus2010und2017rationalisiert:
DasKommandoArājswarbeteiligt an inszeniertenPogromen,diemitdemNiederbrennen
dergroßenChoralsynagogeam4. Juli inRiga ihrenAnfangnahmen,sowieandersystema-
tischenVernichtung von Juden undRoma zunächst in Riga und später in ganz Lettland.
NachBerechnungendesHistorikersAndrievsEzergailis istdasKommandoArājs fürdieEr-
mordungvon insgesamtetwa26.000Menschenverantwortlich,darunter etwa2.000Roma
undgeistigbehinderteMenschensowieetwa2.000kommunistischeAktivisten.DemKom-
mandogehörtenanfangsetwa100Freiwilligean,darunter viele, diedurchdienicht lange
zurückliegenden sowjetischen Repressionen Angehörige verloren hatten. Ende 1941 um-
faßte die Truppe ca. 300Mann. Im Jahr 1942, als die systematischeVernichtungder jüdi-
schenBevölkerung inLettlandbereitsabgeschlossenwar, stieg ihreZahlaufnahezu1.200.
Wie Studienbelegen, tratenmit der Zeit viele ausBerechnung indasKommando ein, um
zumBeispieldendirektenKriegs-oderArbeitsdienstzuumgehen.
(Nollendorfs2010,55;2017,75)
DerMassenmordander jüdischenundRoma-Bevölkerungsowiean ‚Behinderten‘
wirddadurch ‚plausibel‘zumachenversucht,dassSowjetseigeneAngehörigege-
tötethätten–undalsVermeidungdesKriegs-oderArbeitsdienstes.Keinesfallsbe-
deutendie neuerenKataloge imVergleich zur älterenAusstellung also einMehr
an Aufarbeitung der lettischenMitbeteiligung an denVerbrechen. Völlig anders
liest sich da die unmissverständliche Klarstellung der Bildungsbeauftragten
desMuseums:„Genocideoccurredwithin theLatvianborders, andLatvia’s in-
habitants, includingethnicLatvians,helped to facilitate it–aspersecutors, exe-
124 Der englische Katalog stellt aber auf einer Doppelseite buchstäblich dem ‚Judenmörder‘
Arājsden ‚Judenretter‘ JānisLipkegegenüber. (Nollendorfs2008c,66–67)
178 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918