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(Nollendorfs 2017, 73) und das Kapitel umfasst –wenn auch textgleich wie
2010–nunaufgrundderhinzugefügtenBilder fünfSeiten.
AuchimFalldiesesMuseumsbleibenwissenschaftlicheAnalysensomitun-
zureichend, wenn sie die auf den ersten Blick scheinbare Gleichsetzung von
NS-undsowjetischerBesatzungimMuseumfürbareMünzenehmen:
the thrustof theMuseum’snarrative is anti-Nazi andanti-Soviet inequalmeasure.By re-
minding theworld that Latvia, like theother twoBaltic republics Estonia andLithuania,
fell into theUSSR’sorbit after the signatureof theNazi-SovietPact inAugust 1939before
being formallyannexed in 1940, theMuseumsetsout tounderline thepolitical symmetry
betweenthetworegimes. (Evans2006,320)
Auchdie reflektierteAusgewogenheitdesdeutschsprachigenKatalogs stößtdort
an ihreGrenzen,woesumdie lettischeBeteiligungamHolocaust geht.Dasent-
sprechendeKapitel trägt denTitel „DieMörder verschleiern ihrVerbrechen.Der
Holocaust imdeutsch besetzten Lettland“. Doch der Begriff ‚Holocaust‘wird in
den deutschsprachigen Katalogen vor allem im Zusammenhangmit deutschen
und sowjetischen Mythen von der lettischen Verantwortung dafür verwendet,
nicht fürdiehistorischenEreignisseselbst:
DerHolocaustwurdevondenNationalsozialistenorganisiert,dochschriebmanihnzynisch
spontanenAffekthandlungen der einheimischenBevölkerung ohneBeteiligungDeutscher
zuund schuf damit einenMythos.AufBefehlwurdenEinheimische gezielt bei derVerfol-
gungundErmordung jüdischerEinwohnergefilmtund fotografiert.NachBerichtendesSD
zerstreutensichanfänglicheHoffnungenauf spontanePogrome inLettlandrechtbald. Zur
Verbreitung desMythos vomHolocaust in Lettland ohne deutsche Beteiligung trug nach
demKriegdiePropagandadesNKWDbei. (Nollendorfs2010,54)
DasnächsteMalkommtderBegriff imAbschnittübersowjetischenAntisemitis-
musvor, also vor allem,umfestzustellen, dassdie Sowjets sichhier nachdem
HolocaustauchetwaszuSchuldenkommenhabenlassen:
ImHolocaust wurde fast die gesamte jüdische Gemeinschaft Lettlands vernichtet. Jüdi-
sche Zuwanderer aus der Sowjetunion füllten die lichten Reihen der Überlebenden und
ausdemExil Zurückgekehrten.Dochdas jüdischegesellschaftlicheundkulturelle Leben
kam imbesetzten Lettlandnichtwieder zur Blüte.WährendderUnabhängigkeitszeit tä-
tige jüdische Schulen blieben geschlossen. ReligionundKulturwurdenunterdrückt. […]
DieUnterdrückung der jüdischenBevölkerungnahmnachder Gründungdes Staates Is-
rael 1948 unter demVorwand der Bekämpfung zionistischer Tendenzen zu. […] Erstmit
demTod Stalins endetenweitere Repressionen, doch antisemitische Tendenzen blieben
bestehen. (Nollendorfs2010,94)
So wichtig es ist, den Antisemitismus in der Sowjetunion unter Stalin, aber
auchdanachzuthematisieren–undsosehrsichdas lettischeMuseumdadurch
vondenbeidenanderenbaltischenMuseenabhebt–, so auffällig ist dochdie-
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 183
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918