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staatssozialistischen politischen Polizei ausgestellt und werden bei den Füh-
rungenstarkbetont,nicht jedochjenederPfeilkreuzlerInnen.132
Wie schonbei denbaltischenMuseen fällt auchhier die zentrale Rolle von
Zügen,Waggons und Schienennetzen auf: Der lange ‚Gulag-Raum‘hat auf den
SeitenBildschirmemontiert,diezuZugfensternwerden,andenendieLandschaft
wie während der Deportationen in den ‚Osten‘ vorbeizieht. Am Boden ist das
Netz der Verschickungsrouten nach Sibirien und in andere Lager aufgemalt.
Dochauch indiesemFall sei betont, dassdiesnichtvor allemalsÜbernahme
vonHolocaust-Ästhetik gedeutet werden kann, da „üblicherweisemit demBild
einesWaggonsnicht der kommunistische Terror, sondernderHolocaust assozi-
iert“ (Fritz 2008, 139;meineHervorhebung) werde. Vielmehr bringenWaggons
beiderlei Erfahrungen, die Verschickung in dieNS-Lagerwie in denGulag zum
Ausdruck.
Die ästhetische Anlehnung an Holocaust-Museen kommt hingegen in einer
anderenMuseumsinstallation zumAusdruck, die sich für unserenMuseumsver-
gleichalsbesonders interessanterweist:DasHausdesTerrorsübernimmt imVor-
raum des Museums auf den ersten Blick die Ästhetik des „Tower of Faces“ im
USHMM.WiebeidermehrstöckigenInstallation inWashingtonD.C.,dieanmeh-
rerenStellenderAusstellungaufunterschiedlichenEtagenpassiertwird(Abb.35),
gibtesauchinBudapesteineüberalleStockwerkereichendeInstallationmitzahl-
reichenPorträtfotosvonOpfern. (Abb.36)BeinäheremHinsehenzeigendiesemit
„Victims“überschriebenenFotos abernichtwie imUSHMMPrivataufnahmen
unterschiedlicherGrößeundForm inallen erdenklichen selbstgewähltenAll-
tagssituationen und Posen, sondern uniforme erkennungsdienstliche, also von
TäterInnenaufgenommeneFotos. (Radonić2014b,100;Radonić2014d,18)
TrotzderPfeilkreuzler-VergangenheitdesGebäudeswerdenaufdieserWand
nurOpfer der staatssozialistischenRepression gezeigt. Zumindest deutet darauf
dersowjetischePanzeramFußeder Installationhin,denndiePorträtssindnicht
weiter beschriftet. Die uniformen Individuen verschmelzenhier– imGegensatz
zum individualisierendenVorbild – zu einerMasse, zu Ungarn als kollektivem
Opfer, und zwar der Sowjets. Der „Raumder Tränen“, eine Gedenkinstallation
mitLichtern imKellerdesMuseums,erinnert fernerandieKindergedenkstätte in
132 Darauf wies bei der Exkursionmeines Kurses der UniversitätWien insHaus des Terrors
(unddasHolocaust-Gedenkzentrum) im Januar 2014 auch einer der Studentenhinund fragte
den Führer, ob die Pfeilkreuzler dennnicht gefoltert hätten. Dieser antwortete: „Dochnatür-
lich, deswegen wurden sie ausgewählt, weil sie nichts anderes machen sollten als vorher“,
womit er die vomMuseumvertretene, aber historisch unhaltbare Thesewiederholte, dass es
sich bei denPfeilkreuzler-Folterern undder politischenPolizei nach 1945 umein unddiesel-
benwenigenTätergehandelthabe.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 189
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918