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Zweimal werden in den beiden Guide-Versionen aus 2007 und 2015 wort-
gleichdieMorde anderWarschauerBevölkerungalsGenozidbezeichnet–was
nichtdemStandderwissenschaftlichenForschungentspricht:„Massexecutions
inWolaandOchotawereactsofgenocideagainst thecivilianpopulationofWar-
saw,oneof themosthorrificGermancrimescommittedduring theSecondWorld
War. […]SystematicexterminationofPolesbeganonAugust5 […]Theactsofge-
nocide visited [sic!] on the civilian population continued for a fewdays.“ (Dąb-
kowska-Cichockaet al. 2007a, 101f;Dąbkowska-Cichockaet al. 2015, 100)Die
Begriffe ‚Genozid‘ (in der polnischen Guideversion ludobójstwo), ‚systemati-
scheVernichtung‘ (eksterminacja) undSelektion (selekcja) setzendas Schick-
sal der polnischen mit jenem der jüdischen Bevölkerung gleich. „The mass
exodus of the civilian population of Warsaw took place during the first few
daysofOctober 1944.TheGermansdirected themto thesocalled transit camps.
[…]A stay in thecampdidnotusually last longer thanaweek.During that time
the Germans carried out a ‚selection‘ procedure, which decided the fate of the
detainees – deportation to the territory of the General Government or to the
ThirdReich to forced labour, and in theworst case scenario– to concentration
camps.“ (Dąbkowska-Cichockaet al. 2007a, 168)Auch imerstenStockderAus-
stellungwird unter der Überschrift „Exodus“ verhandelt, dass die Evakuierten
eine „Selektion“ durchlaufenmussten. Antisemitismus oder dieMitverantwor-
tung vonPolinnenundPolen amHolocaustwerden imGuide gar nicht, in der
Ausstellung prominent in der ‚Hierarchie der Sichtbarkeit‘nur in einemSatz
erwähnt: „Leider gibt es auch solche, die Juden erpressen oder an Deutsche
ausliefern.“SehrwohlwirddasThemaaber indemVideovonMarekEdelman
angeschnitten (Blutinger 2010,93),der schildert,wie seinVersuchablief, sich
derHeimatarmeeanzuschließen:AmerstenTagsei seinFreund Jurekhinaus-
gegangen undweil er eineWaffe trug, von denAufständischen nach seinem
Ausweisgefragt,dannals Judebeschimpftunderschossenworden.
On the secondday,Kaminski cameandsaid„you’re still here?Doyouwant to join theRi-
sing?“ andwe said „yes.“ „No,“he said, „you should gowhere you arewelcomeandnot
whereyouarenotwelcome.Youshould joinagroup thatwill takeyou.“Whereshouldwe
go?Sowewent to thePeople’sArmy.Theyweresmallandweak,but theCommunistswel-
comedus.
DieKZ-ÜberlebendennahmenEdelman zufolge in ihrengestreiftenHäftlingsuni-
formen und verhungernd148 amAufstand teil. Sie wurden für lebensgefährliche
148 Kossoy (2004, 333–334) hingegen schildert, dass nach der Befreiung der Juden aus dem
KZGesiowkadiese sehrwohl zuessenbekommenhättenund ihnendaherdiegestreiftenUni-
formenegal gewesen seien– solangebis einer von einemantisemitischenAufständischener-
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 221
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918