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umsichdann(angedeutet) inderStraßenbahnwiederzufinden,dieübereben-
diese ‚arische‘Straßemitten zwischendenbeidenGhettoteilenhindurchfuhr.
(Heinemann 2013, 486–487) Doch auch diese Darstellung ist problematisch,
wenn sie die PolinnenundPolenals bloße ZuschauerInnendarstellt, undnicht
thematisiert, dassmanche auch Steinewarfen, viele denunzierten und sich die
GhettobewohnerInnenmehrIndifferenzgewünschthätten. (Janicka2016,39)
In dem Teil nach 1945 behandelt die Ausstellung sowohl die Perspektive
jenerÜberlebenden,dienach1945dasLandverlassenhaben,alsauch jener,die
sichzumBleibenentschlossenhaben.ÜberdieNachkriegsentwicklungheißtes:
Dispersedunits of the anti-communist undergroundattackednot onlyofficials of thego-
vernment apparatus, but also Jews, whom they considered „Commie Jews“, based on a
commonperceptiondatingback to theearly twentiethcentury. Inaddition, Jewswanting
to return to their hometowns looked to the new authorities, and initially to the Soviet
army,as theironlyguaranteeof safety.This, too, contributed to the identificationof Jews
andcommunism. (Kirshenblatt-GimblettundPolonsky2014,361)
DieAusstellungbehandeltauchJedwabne,wo1941PolinnenundPolen ihre jü-
dischenMitbürgerInnen ermordeten, ebensowie Nachkriegspogrome themati-
siert werden. Wiederum stoßen sich nationalistische KritikerInnen an diesem
vorgeblichstarkenFokus,währendKritikerInnenvonderanderenSeitedespo-
litischen Spektrums bemängeln, dass „the information comprising the weak
message is placed below eye-level. One is forced to assume a position that is
physically impossible to maintain for a prolonged period of time.“ (Janicka
2016,41)
Herausragend ist hingegen imMuseumder reflektierte Umgangmit Foto-
grafien.Nichtnur erhalten jenevierBilder, die das jüdischeSonderkommando
inAuschwitz-Birkenauunter Einsatz ihres Lebens von derMassenvernichtung
aufnahm,wieoben imKapitelüberdasHolocaust-GedenkzentruminBudapest
bereits zumVergleichherangezogen,denbesonderenPlatz,der ihnengebührt.
(Abb. 56)ÜberhauptwerdenvonNS-TäterInnenaufgenommeneFotosbewusst
aufbesondereWeiseausgestellt: entwederalsTeildesAlbums, indemsiegefun-
denwurden inklusive ihrer Entstehungs- undVerwendungsgeschichte; oder,
wennsieFotosvonhalbnackten, erniedrigtenMenschenetwaunmittelbarvor
ihrer Ermordung zeigen, dann in einem symbolischenWald, in dem sich die
BesucherInnenanstrengenmüssen,umaufdasFotoblickenzukönnen.Diese
Fotografien befinden sich auf Augenhöhe von Erwachsenen und sind imGe-
gensatz zumMuseum des Warschauer Aufstands nicht Teil einer mitten im
Raumstehenden Installation,die sich fürKinder alsunerreichbareunddaher
umso interessantereAttraktiondarstellt. DieAufnahmenwerden jeweils kon-
textualisiert durchAussagenderjenigen, die sie aufgenommenhabenund ihr
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 265
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918