Seite - 280 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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eineEntwicklungvorweg,diesichauchinanderenzentral-undwesteuropäischen
Staatenzunehmendandeutet:dieAblösungherkömmlicherParteiendurchBewe-
gungenundeineanti-europäischeMobilisierungmachendieehemalspostsozialis-
tischenStaatenhier zurAvantgarde einer gesamteuropäischenTendenz.War die
Thesevom ‚EndedesNationalstaats‘ inderÄradereuphorischen ‚Europäisierung‘
bereits als normative Vorstellung problematisch, so erweist sie sich heute noch
eindeutigeralsbloßeWunschvorstellung.
Daallerdingsdie aktuellenEntwicklungen inUngarnundPolennicht ent-
koppelt von ihrer sozialistischenVergangenheit begriffenwerdenkönnen, ver-
wende ich trotz dieser ‚Vorbild‘funktion der beiden Länder hierfür denBegriff
desautoritären ‚Backlashs‘.DieArt,wiePiSundFideszdie–historisch invöllig
unterschiedlichemAusmaß erfolgte–Kollaboration undMitverantwortung für
denHolocaustheuteverhandelnbzw.dieDiskussiondarüber zusteuernversu-
chen, erinnert an sozialistische Geschichtspolitik. (Vetter 2018, 2) Die aktuelle
Geschichtspolitik istaufdasengstemitderautoritärenWende,derBeschneidung
derMedienfreiheitundUnabhängigkeitder Justizverbunden.Museensinddabei
einzentralesSchlachtfelddermnemonicwarriors,wobei zweiEntwicklungendie
Museumslandschaften in Polen wie in Ungarn prägen. Während alle anderen
hieranalysiertenMuseen imFall einerVeränderungderAusstellung inden letz-
ten JahrendieMitverantwortungdes eigenenKollektivs stärker beleuchten (wie
am estnischen und litauischen Fall gezeigt wurde), verändert die PiS das Mu-
seum des ZweitenWeltkriegs in Richtung einer stärker betonten Inszenierung
polnischer HeldInnen, damit es nicht das „Gefühl der Scham“wecke, wie es
Kaczyński ausdrückte. Im geplanten „Haus der Schicksale“ in Budapest –wie
schon impolnischenFall inMarkowa realisiert– soll der Fokusdarüberhinaus
aufden ‚Judenrettern‘ liegen.
Das 2002 eröffnete Haus des Terrors und dasMuseumdesWarschauer Auf-
standsaus2004könnenheutealsVorwegnahmendesautoritärenTrendsbetrach-
tetwerden.VonOrbánunddemumgekommenenLechKaczyński initiiert, geben
siebeidedenBesucherInneneinstarkesnationalistischesNarrativvor. InBudapest
ist man gezwungen, in einem sehr langsam in den Folterkeller hinabsinkenden
Aufzug,eingeengtzwischendenanderenBesucherInnen,derGeschichteüberdas
WegwaschendesBlutesnachder Folter zu lauschen. InWarschau schlägtmitten
imMuseumdas ‚Herz‘desAufstands inFormeinesMonuments,dasdieBesuche-
rInnenberühren sollen,was dieVorstellung einer organischenWir-Gemeinschaft
aufdieSpitzetreibt.DieMuseumslandschaft indiesenbeidenLändernwirdgerade
inRichtungdieser beidenVorbilder umgemodelt: durchneueMuseenundÄnde-
rungeninbestehenden,wieimMuseumdesZweitenWeltkriegsinGdańsk.
Im Gegensatz dazu fehlen solche Gedenkmuseen in Sofia und Bukarest,
wasmit einerMischung ausAmbivalenz undApathie erklärt werden kann. Die
280 5 Fazit
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918