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Velázquez’ (1599–1660) Infanten-Portrait bis Giorgiones (1478–1510) Die drei
Philosophen,dasüberdemSchreibtisch imBüroangebrachtwar.28
ÜberdasSammeln,RezipierenundVerschriftlichen in jeglicherForm– lite-
rarischwieamtlich,privatwieöffentlich–definiertesichderdichtendeBeamte.
Dasmagmit Blick auf Ausbildungsgrad und soziale Herkunft des Kaufmanns-
sohnesplausibel erscheinen.LesenundSchreibendientendemJungdichter zur
Einübungder Codes einer dominierendenKlasse, die kennerhaft über ‚legitime
Kunst‘debattierte.UmZugangzudenselbstberufenenBewahrerndieserKunst-
auffassungzuerhalten,bedurfteesdesWissensumdiskursiveUmgangsformen,
eines gehobenen Soziolekts, mithilfe dessen ästhetische Themen und günstige
Positionen imSozialraumverhandeltwerdenkonnten. Schaukalwardarumbe-
müht,mitpointiertenGeschmacksurteilendensozialenAufstiegnachaußenzu
verkörpern.29
Es ist dabei bezeichnend, dass er in der erstenHälfte seiner über 50 Jahre
andauernden schriftstellerischen Tätigkeit insgesamtmehr publizierte–dabei
häufigerGedichteundProsa–als inderzweitenHälfte,wollteer sichdoch ins-
besondere in jungen Jahren imkulturellen Feld als ‚Aufstrebender‘ gegenüber
den ‚Etablierten‘behaupten.Die Lyrik und ihre hermetischeWirkung, die sich
dem direkten Verständnis entziehen und mithilfe einer überkommenen Gat-
tungshierarchie zum sozialen Distinktionsmerkmal erheben kann, stellte für
SchaukalsAnsprüchedie idealeFormdar. Siewarauchdie einzige,der er sein
Leben langtreublieb.
1918, also gegenMitte seiner literarischen Karriere, erfolgte die Erhebung
indenAdelsstanddurchKaiser Karl I. (1887–1922), in demer jedochnurmehr
für wenige Monate offiziell verbleiben konnte. Mit dem Ende der Monarchie
quittierte Schaukal denStaatsdienst, inskribierte sich inDeutscher undRoma-
nischer Philologie anderUniversitätWienundwidmete sich seiner nicht sehr
lukrativenTätigkeitalsDichterundKritiker.
MitBlickaufdiewechselseitigeDurchdringungvon technischenNeuerungen,
gesellschaftlichen Veränderungen, Selbstentwürfen in und mittels traditioneller
sowiesichneuetablierenderKulturpraktiken lässt sichdasNetzalsMetapherher-
anziehen, um die Vielbezüglichkeit der Moderne zu charakterisieren. Schaukal
verfügteübereinweitverzweigtes,dynamischesNetzwerk.30Zuseinenzahlreichen
28 DiesenHinweisverdanke ichClaudiaGirardi,geb.Warum.
29 Vgl. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 18–19; zu Schaukals Geistesadel vgl. Girardi:
DerDichterRichardvonSchaukalals„Konservator“dergutenaltenZeit,S. 288–289.
30 Das vonderWienbibliothek imRathaus angefertigteNachlass-Verzeichnis listet über 900
Personen,mit denen er schriftlich verkehrte; vgl. Nachlass Richard von Schaukal: ZPH 846.
http://share.obvsg.at/wbr02/LQH0000768-1201.pdf (zuletztaufgerufenam31. Juli 2019).
10 Einleitung:WiderspruchsgeisteinesBeamtendichters
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik