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Musil steht in einer Reihemit Schriftstellern, Philosophen und Gesellschafts-
theoretikern,diesichzuBeginndes20. Jahrhunderts„mitder ‚versuchsweisen‘
Erforschung von Noch-Nicht-Gewusstem“ beschäftigt „und dabei die intellek-
tuellen, kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Begrenzungen ihrer
Disziplinen“überschrittenhaben.72
Vor allemdiebiographischenDokumente spieleneinewesentlicheRolle für
den Prozess, Leben entsprechend seiner vielenMöglichkeiten darzustellen. Die
Widersprüchlichkeiten der Dokumente über Edison veranlassten Nye zu einer
biographischenErkenntniskritik. ChronologieundEntwicklungsgestus,dieklas-
sischeBiographienzumeistprägen,unterläuftNye, indemereinebegrenzteZahl
vonBerichten unddie darin enthaltenenKontradiktionendiskursanalytisch ge-
genüberstellt. Dadurch werden biographische Inszenierungen ersichtlich, die
einen einheitlichen Subjektbegriff obsolet werden lassen; abgesehen von den
von Edison gesetzten Selbstentwürfen, zählt Nye acht unterschiedliche Edison-
Figuren,alsounterschiedlicheSubjektivierungenderPersonnamensEdison,die
zwischen1870und1880vonderPressemodelliertwurden.73
ZehnJahrevorNyesStudiehattebereitsRolandBarthesdengeschlossenen
Autorbegriff kritisch reflektiert: „Der aus seinem Text heraus- und in unser
LebeneintretendeAutor ist keineEinheit“, soBarthes, „er ist fürunsganzein-
facheineVielzahl von ‚Reizen‘, derOrt einiger zerbrechlicherDetailsunddoch
Quelle lebendiger romanesker Ausstrahlungen.“ „Die Lust am Text“ führe zu
einer „freundschaftlichenWiederkehr des Autors.“74 Barthes erhebt das Frag-
ment zurneuen,unkonventionellenund lustvollenMöglichkeit biographischer
Erschließungen.ErbezeichnetdieseSplitteroderTeile einesLebens,die inkei-
ner Relation oder Chronologie zueinander zu stehenbrauchen, ‚Biographeme‘.
AuchMichel ShortlandundRichardYeo legen in ihren StudiendenFokus auf
dieVielschichtigkeit derBiographien. Personen sollen ‚dezentriert‘positioniert
undnur jeneTeilprozesse indenBlickgenommenwerden, die zuunterschied-
lichenSubjektivierungsformenbeitragen.75
72 Roland Innerhofer und Katja Rothe: DasMögliche regieren. Einleitung. In: DasMögliche
regieren.Gouvernementalität in der Literatur- undKulturanalyse.Hg. vonRoland Innerhofer,
KatjaRotheundKarinHarrasser.Bielefeld2011,S.9–18,hierS. 11.
73 Vgl.Nye:NachThomasEdison,S.350.
74 RolandBarthes: Sade, Fourier, Loyola [1971]. Aus demFranz. vonMaren Sell und Jürgen
Hoch.FrankfurtamMain1974,S. 12.
75 Vgl.Michael ShortlandundRichardYeo: Introduction. In: TellingLives inScience. Essays
onScientificBiography.Hg.vonMichaelShortlandundRichardYeo.NewYork1996,S. 1–44.
18 Einleitung:WiderspruchsgeisteinesBeamtendichters
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik