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Gegendiskurse in der Arbeiter-Zeitung belegen Schaukals ideologisch durch-
drungenesSchaffenalsDichterundLiteraturkritiker.
Am19. Januar 1910parodierte dieselbe ZeitungSchaukals drei Jahre zuvor
erschienenen, dialogisch konzipierten Kulturglossen Literatur und Giorgione.
DieKritik ist dabei ebenfalls inFormeinesDialoges zwischeneinemMalerund
einemSchriftstellerverfasst, ironisiert alsoSchaukals in fiktiverGesprächsform
ausgebreiteten Paragone, der formalästhetisch auf die Renaissance verweist.
Abgesehen von der Kritik, dass Literatur und Giorgione ihren eigenen Stand-
punktunterlaufen,da siemit PhrasengegendiePhrase argumentierten, ärgert
denRezensenten,dassSchaukal
dasKunstreferat für einegroßeTageszeitunganstrebt. Erhielte er ein solchesübertragen,
würde er zu einer Kalamität, zu einer Kunstgefahr, denn das Podium, von dem aus er
danndemPublikumseineExpektorationenüberKunst zurufenwürde, gäbe seinenWor-
teneineBedeutungundWirkung,diesieheuteglücklicherweisenochnichthaben.192
Woraufhin der fiktive Schriftsteller dem Maler zustimmt: „Damit mögen Sie
recht haben und auch ich halte ihn zur Ausübung eines derartigenAmtes für
nichtberufen,alsseierzu leichtfertig.“193
WährendZeitschriftenwiedieWienerRundschau,Vaterlandundvor allem
DieReichspost zudenBefürworternvonSchaukalsDichtungzählten–undan-
derewie dieNeue Freie Presse oder dieWiener Zeitung eine überwiegendneu-
trale Position einnahmen –, gehörten die Arbeiter-Zeitung und insbesondere
auchDerSturmzumideologischenwieästhetischenGegenlager.Dassdiepoliti-
schenGrabenkämpfebis etwa1910auchSpielraumfürobjektiveArtikel gestat-
teten, zeigt einewertschätzendeRezension vonSchaukals Schlemihle (1908) in
der Jüdischen Volksstimme, deren Publikum sich hauptsächlich aus jüdischen
Arbeitern zusammensetzte und die in ihren Beiträgen auch den Zionismus
thematisierte.194
Dochdie (kultur-)politischenFronten,die sich inderErstenRepublik zuse-
hends verhärteten, begannen sich bereits kurz vor Ausbruch und dann
192 A. R.–r.: Ein Gespräch über vier Bücher. In: Arbeiter-Zeitung, Nr. 18/1910 (19. Januar
1910),S. 1–2.
193 A. R.–r.: EinGesprächüber vier Bücher. Bereits drei Jahre zuvor hatteArmin Friedmann
einenähnlichenformalenZuganggewählt,alser inderWienerAbendpostSchaukalsGiorgione
inFormeines fiktivenDialogesbesprach;vgl.Friedmann:VomKunst-Dichter.
194 Siehe die Rezension vonDr.M. Scherlag: Erzählende Bücher. In: Jüdisches Literaturblatt.
Beilagezu„JüdischeVolksstimme“,Nr. 28/1910(13. Juli 1910),S.9–10,hierS. 10. Informationen
zumBlatt liefertAvrahamGreenbaum: [Art.] JüdischeVolksstimme. In: TheYIVOEncyclopedia
of JewsinEasternEurope.http://www.yivoencyclopedia.org/article.aspx/Judische_Volksstimme
(zuletztaufgerufenam31. Juli2019). 3 SchaukalalsObjektderKritik 139
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik