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kanntgegeben worden war, legte die Christlichsoziale Partei Einspruch ein
und erhob aus politischenGründen Schaukal zumGegenkandidaten.264 Des-
senungeachtetwurdeVetter zumerstenStaatstheaterpräsidentenderneuge-
gründeten Republik ernannt, was aber dem freundschaftlichen Kontakt zu
SchaukalkeinenAbbruch tat.265 1933gestandVetterSchaukal seinenNeidauf
dessen unverrückbare katholisch-konservative Prinzipien und stimmte sei-
nemBriefpartner in der Abneigung gegen alles Jüdische zu, vor allem gegen
Wassermann und Zweig.266 In einem weiteren Brief aus dem Jahr 1933 be-
schreibt Vetter zudem seinen ungünstigen Eindruck von ThomasMann und
verfällt dabei in einedemEmpfängerwillkommeneKritik andessen literatur-
betrieblicherKonsekration:
Th.Mann, den ich vor ein paar Jahren näher persönlich kennen lernte,missfielmir da-
mals sehr. Ich habe dieses Unangenehme an ihm vor allem dem Erfolg angelastet, dem
grossen industriellen Vertrieb von „Geist“. Für Dich liegt was Tröstliches in diesemAb-
stiegTh.Manns!Deinenach innenwienachaussengleich reinlichundkrystallhart sein
wollendeArt schliesst ‚Erfolg‘aus,hättestDu ihn, sowärstDunichtDu;Duhattest ihn ja
schonundmusstest ihnverwirken[. . .].267
Die Bewerbung umdas Amt des Staatstheaterpräsidenten zeigt letztlich, dass
Schaukal, der nachKriegsende den Staatsdienst quittiert hatte, auf andere Er-
werbsquellen angewiesen war. Sohn Wolfgang, soeben knapp dem Militär-
dienst entgangen,wurde imselben Jahrvolljährig,diebeiden jüngerenKinder,
Georg (1907–1983) und Lotte (1908–1993), besuchten noch dasWiener Schot-
tenstift-Gymnasium.DassdieFamilienachdemKrieg innichtgeradewohlhab-
enden Verhältnissen lebte, wird in den Briefen sehr deutlich. Gleichwohl
konnten siedieVilla inGrinzing (einUmzugstandmehrmals zurDebatte) und
auchdasSommerfrische-AnwesenamSemmeringbehalten, indemdieFamilie
mehrereMonatedes Jahresverbrachte.
EinTeildesökonomischenKapitals,dasnachKriegsendesowohlEinbußen
im literaturkritischen als auch im schriftstellerischen Bereich erfuhr, wurde
von staatlicher Seite ausgeglichen. Am4.März 1919 beschloss das Kuratorium
derEduard-von-Bauernfeld-Stiftung,denBauernfeldpreisauf fünfSchriftsteller
aufzuteilen. Julius Bittner (1874–1939), RudolfHolzer, Otto Stoessl, PaulWert-
heimer (1874–1937) und Schaukal empfingen denmit insgesamt 1.500Kronen
264 Vgl. [Anon.]: [ohneTitel]. In: IllustriertesWienerExtra-Blatt,Nr.152/1920(4. Juni1920),S.3.
265 Vgl.denBriefVettersanSchaukal, 7.Oktober1921,S-NL,WB.
266 Vgl.denBriefVettersanSchaukal, 23.Februar 1933,S-NL,WB.
267 BriefVettersanSchaukal,3.März1933,S-NL,WB;Hervorh. imOrig.alsUnterstreichung.
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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik