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erzbischöflichenKurhaus stattfand. Immerhin 1.500 Einladungen seien ausge-
sandtworden,soSchreyvogl.305
Ein weiterer Vertreter der katholisch-kulturkritischen Bewegung, den
Schaukalbewunderte,deraberaufdessenAvancennichteinging,warTheodor
Haecker. 1933 führte SchaukalmitHaeckers Vertrautem, demArchitektenund
PhilosophenHansKestranek (1893–1949), einenBriefwechsel, in demsich der
Wiener Schriftsteller erkundigte, warumHaecker auf dieWidmung des Kraus-
Essays nicht reagiert habe. Kestranek entschuldigte seinenFreund, der inBre-
men wegen politischer Agitation festgenommen worden sei. Im Briefwechsel
entwickeltendieKorrespondenzpartnerdieVisioneinesvonÖsterreichausgeh-
enden „Europäischen Denkens“, das als dritte Kraft dem „Teutonismus“ und
Bolschewismus entgegentreten müsse.306 Sie tauschten sich außerdem über
ökonomischeSorgenaus.Kestranekberichtet imSommer 1933: „Vonder [ . . . ]
materiellen Not der Zeit sindwir alle mehr oder weniger betroffen. Ich selbst
habeauchmeinbescheidenesVermögenfastvölligeingebüßtundlebe inMün-
chenwieeinarmerStudent.“307
Trotz der ähnlichen politischenwie ideologischenAuffassungen blieb der
KontaktmitKestranekundsomitdie intendierteAnbindungSchaukalsanHae-
cker erfolglos. Nachdem er sich erneut über diemangelnde Anerkennung be-
klagthatte,gestandKestranek:
InIhrerNachbarschaft fürchtetmanwohldas feindlicheFeueraufsichzuziehen,–anders
ist esmir unerklärlich, daßmanvon Ihnen „abrückt“, und vielleicht lassen auchSie sich
einesolche ironischeErklärunggefallen.– Ist sieaber falsch, sobleibtnochdieErwägung,
obesnichtbesser ist,mancheLeutemisszuverstehen,ummit ihnenauszukommen.308
SchaukalsVersuche, sich inden1930er JahrendenZirkelndesösterreichischen
‚Renouveau catholique‘anzuschließen,warenvonebensogeringemErfolgwie
seine Anbindungsversuche an literarische Gruppierungen der Vorkriegszeit.
Sein forderndes, bisweilen strategischesWerbenumdieGunstRichardKraliks,
HansKestraneksundvor allemTheodorHaeckers stießkeineswegsaufGegen-
sympathien, und auch die Erwartung, in den Brenner-Kreis aufgenommen zu
werden, wurde schlussendlich enttäuscht. Nach Schaukals Tod erinnerte sich
KestranekgegenüberdemkatholischenTheologenJosephBernhart (1881–1969)
versöhnlichandenschwierigenBriefpartnervoneinst:
305 Vgl.denBriefSchreyvoglsanSchaukal, 16. Januar1933,S-NL,WB.
306 BriefKestraneksanSchaukal, 2.August 1933,S-NL,WB.
307 BriefKestraneksanSchaukal, 25.August 1933,S-NL,WB.
308 BriefKestraneksanSchaukal, 25.September1933,S-NL,WB.
5 Vereine,VerbändeundOrganisationen 169
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik